Die ukrainische Führung hat mit Besorgnis auf die jüngste russische Angriffswelle reagiert, bei der die Luftverteidigung keine einzige der 29 abgefeuerten ballistischen Raketen abfangen konnte. Jurij Ihnat, Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, räumte im nationalen Fernsehen ein, dass die Erfolgsquote „gelinde gesagt gering“ sei. Für den Abschuss ballistischer Raketen fehlten die entsprechenden Mittel. Zwar verfüge die Ukraine über genügend Patriot-Abwehrsysteme, doch mangele es an den passenden PAC-2- und PAC-3-Abfangraketen. „Was wir benötigen, ist eine stetige Raketenversorgung“, betonte Ihnat. Russland nutze die Tatsache aus, dass die Ukraine mit einem gravierenden Mangel an Abfangraketen konfrontiert sei.

Die Angriffe in der Nacht zum 6. Juli trafen die Hauptstadt Kiew und ihre Vororte besonders hart. Nach Angaben des Chefs der Militärverwaltung in Kiew, Tymur Tkatschenko, wurden mindestens zehn Menschen getötet und 46 verletzt, darunter fünf Kinder. In der Satellitenstadt Wyschnewe am Westrand von Kiew stieg die Zahl der Toten auf fünf, 21 Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht. Über 600 Menschen mussten aus Sicherheitsgründen evakuiert werden. Videos, die unter anderem vom Internetportal „Hromadske“ veröffentlicht wurden, zeigten Folgeexplosionen mutmaßlich von gelagerter Munition nach dem Einschlag einer russischen Rakete. Tkatschenko warnte vor möglichen weiteren Opfern: „Die Rettungseinsätze dauern weiter an. Traurigerweise ist dies nicht die endgültige Bilanz.“

Die Angriffswelle erfolgte am Vorabend des Nato-Gipfels in Ankara, bei dem der dringende Bedarf der Ukraine an zusätzlicher Flugabwehr ein zentrales Thema sein wird. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte auf dem Kurznachrichtendienst X, Russland habe in der Nacht erneut Zivilisten aus der Luft angegriffen, mit mehr als 400 Drohnen und Raketen. „Die Ukraine braucht dringend mehr Luftabwehr. Wir werden dies diese Woche in Ankara beim Nato-Gipfel besprechen“, schrieb sie. Der Druck auf Russland werde weiter erhöht, bis das Blutvergießen ein Ende habe. Auch der Unions-Außenexperte Jürgen Hardt (CDU) forderte vor dem Gipfel eine klare Ansage an China, das für Russlands Fähigkeit, seinen Angriffskrieg fortzusetzen, eine erhebliche Rolle spiele.

Parallel zu den Kämpfen in der Ukraine zeichnet sich in Russland eine wachsende Benzinkrise ab. Laut einer Analyse des US-Senders CNN sind nahezu alle 83 Regionen des Landes von Engpässen oder Versorgungsunterbrechungen betroffen. Mehr als 50 Regionen meldeten offiziell Versorgungsprobleme, in fast allen anderen Teilen lagen inoffizielle Berichte über Störungen vor. Mindestens drei Regionen riefen einen erhöhten Alarmzustand aus. Tankstellen in ganz Russland schränken die Benzinabgabe ein. Sumit Ritolia, leitender Analyst für Raffinerieversorgung und -modellierung beim Rohstoffinformationsunternehmen Kpler, sagte CNN, die Benzinproduktion liege 20 Prozent unter der Inlandsnachfrage. Mittlerweile gibt es Websites, die den Kraftstoffverbrauch verfolgen und Autofahrer zu den günstigsten Tankstellen leiten.

Das ukrainische Militär meldete derweil Angriffe auf zwei russische Ölraffinerien in den nordwestlichen Regionen Jaroslawl und Leningrad in der Nacht. Nahe der Raffinerie Slawneft-Janos in der Region Jaroslawl seien Explosionen registriert worden, teilte der Generalstab auf Telegram mit. Zudem sei die Anlage des Konzerns Nowatek im Ostsee-Hafen Ust-Luga in der Region Leningrad getroffen worden. Die Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur sind Teil der ukrainischen Strategie, die russischen Nachschublinien und die Wirtschaft des Angreifers zu schwächen.

Die jüngsten Ereignisse unterstreichen die prekäre Lage der ukrainischen Luftverteidigung, die trotz westlicher Unterstützung weiterhin mit erheblichen Lücken kämpft. Die fehlenden Abfangraketen für die Patriot-Systeme sind besonders problematisch, da ballistische Raketen nur schwer abzufangen sind und oft große Schäden anrichten. Die ukrainische Führung appelliert daher an die Nato-Partner, die Lieferungen zu beschleunigen und zu erhöhen. Der Gipfel in Ankara wird voraussichtlich konkrete Zusagen zur weiteren militärischen Unterstützung bringen, doch die Zeit drängt: Die russischen Angriffe auf zivile Infrastruktur und Wohngebiete fordern weiterhin täglich Opfer.

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Kulturkorrespondentin

Helena Beckmann berichtet für Guldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.