Unionsfraktionschef Jens Spahn steht wegen seiner Vaterschaft mit Hilfe einer Leihmutter in den USA massiv unter Druck. In einem ausführlichen Interview mit dem „Bild“-Podcast von Reporter Paul Ronzheimer äußerte sich der CDU-Politiker nun erstmals zu den moralischen, rechtlichen und persönlichen Fragen, die seine Elternschaft aufwirft. Dabei betonte er mehrfach seine innere Zerrissenheit zwischen den ethischen Grundsätzen seiner Partei und seinem persönlichen Lebensweg.

Spahn machte deutlich, dass er seine politische Zukunft nicht selbst bestimmen will. Die Entscheidung über einen möglichen Rücktritt als Fraktionsvorsitzender überlasse er der Unions-Bundestagsfraktion, wenn diese nach der Sommerpause im September wieder zusammentritt. Formal ist dies korrekt, da die Fraktion ihren Vorstand und den Vorsitzenden wählt. Allerdings könnte ein Vorsitzender theoretisch auch von sich aus seinen Rücktritt erklären. Spahn stellte jedoch klar: „Für mich gibt es, und das wird mir jede Stunde immer bewusster, nichts Wichtigeres als meine Familie.“

Der 44-Jährige trennt in seiner Argumentation strikt zwischen seiner persönlichen Entwicklung und der Beschlusslage seiner Partei, die eine Legalisierung von Leihmutterschaft ablehnt. „Ich sehe es offenkundig anders, aber ich akzeptiere natürlich einen Mehrheitsbeschluss meiner Partei“, sagte der Unionsfraktionschef. Er verwies darauf, dass dies nicht das erste Mal sei, dass er von der Parteilinie abweiche. Bereits 2017 habe er im Bundestag für die Ehe für alle gestimmt und später seinen Mann geheiratet, während die Mehrheit der Unionsabgeordneten damals mit Nein gestimmt hatte. „Der Christ weiß eben auch, wir sind nicht perfekt. Und wir sind manchmal zerrissen und es gibt manchmal keine einfache Antwort“, so Spahn.

Auf den Vorwurf der Doppelmoral angesprochen, zeigte Spahn Verständnis für die Kritik, kritisierte jedoch die zunehmende Schärfe der Wortwahl in der Debatte. Er verwies auf seine Lebenserfahrung „als mittelalter Mann Mitte 40“ und unterschied zwischen „kirchlicher Moral, ethischen Prinzipien, der entsprechenden Klarheit und gleichzeitig gibt es das Leben“. Als katholischer Christ wisse er, „dass das eine die reine Lehre ist und das andere ist das echte Leben“. Der CDU-Politiker sprach in dem Interview mehrfach von „Zerrissenheit“ und betonte, dass er sich über Jahre mit dem Thema Familiengründung beschäftigt habe. Dies sei ein langer Prozess gewesen. In den USA seien die Rahmenbedingungen für Leihmutterschaft so, dass er damit gut umgehen und dies verantworten könne.

Zur rechtlichen Situation in Deutschland argumentierte Spahn präzise: „Es ist in Deutschland nicht verboten, Eltern durch Leihmutterschaft zu werden.“ Verboten seien lediglich die Vermittlung von Leihmutterschaft und die ärztliche Behandlung, was die Möglichkeit faktisch unmöglich mache. Er verwies zudem auf eine Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, wonach eine gerichtliche Anerkennung zweier Väter in den USA auch in Deutschland anerkannt werde. Dieser rechtliche Rahmen und die Vereinbarkeit mit der deutschen Rechtsordnung seien ihm wichtig gewesen. Sonst wäre er diesen Schritt „wahrscheinlich nicht gegangen“, sagte Spahn. „Trotzdem bleibt natürlich der Punkt, dass das so in Deutschland nicht möglich ist.“

Über seine neue Rolle als Vater sprach Spahn mit großer Emotionalität. Er beschrieb eine besondere Verantwortung: „Das gibt Sinn, ganz anders Sinn dem Leben.“ Es sei die Möglichkeit, jemandem zu helfen, ein guter Mensch zu werden und seinen Platz im Leben zu finden. „Für uns ist einfach wichtig, dass wir auch was weitergeben können“, sagte er für sich und seinen Mann. Zur Leihmutter in den USA äußerte er sich nicht und verwies auf den Schutz persönlicher Details.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte zuvor bestätigt, dass Spahn ihn am vergangenen Freitag über die bevorstehende Vaterschaft informiert habe. Spahn bestätigte dies: Er habe den Kanzler „Ende der Woche informiert, dass ich sozusagen als Vater aus den USA wiederkommen werde“. Merz habe gratuliert und „sich erst mal persönlich für uns gefreut“. Man habe aber auch darüber gesprochen, dass dies keine einfache Ausgangslage sei. Die Debatte um Spahns Vaterschaft und die Vereinbarkeit mit den christdemokratischen Grundwerten dürfte die Union auch in den kommenden Wochen weiter beschäftigen.