Rick Rescorla: Der Mann, der am 11. September fast 2700 Menschen rettete
Beim Anschlag auf das World Trade Center starben 2977 Menschen. Ein Sicherheitschef mit Megafon rettete fast 2700 Kollegen das Leben. Eine Fotografin erinnert sich an die letzten Minuten.
Beim Terroranschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 starben 2977 Menschen. Doch ohne das beherzte Eingreifen eines unscheinbaren Sicherheitschefs mit einem Megafon hätte die Zahl der Opfer beinahe doppelt so hoch gelegen. Rick Rescorla, Sicherheitsdirektor der Investmentbank Morgan Stanley, evakuierte an diesem Morgen fast 2700 Mitarbeiter aus dem Südturm des World Trade Centers – und bezahlte seine Rettungsaktion mit dem eigenen Leben.
Rescorla hatte den Südturm bereits 1993 nach dem ersten Bombenanschlag auf das World Trade Center als gefährdet eingestuft und für seine Firma einen detaillierten Evakuierungsplan erstellt. Als am 11. September 2001 um 8:46 Uhr das erste Flugzeug in den Nordturm einschlug, zögerte er nicht. Über Lautsprecher und mit einem Megafon in der Hand dirigierte er die Angestellten von Morgan Stanley aus den oberen Etagen des Südturms die Treppen hinunter. Er stimmte sogar Lieder an, um die Menschen zu beruhigen und in Bewegung zu halten. Als der Südturm um 9:59 Uhr einstürzte, waren die meisten seiner Kollegen bereits in Sicherheit. Rescorla selbst wurde zuletzt im Treppenhaus gesehen, als er noch nach Nachzüglern suchte.
Eine Fotografin, die das letzte Bild von Rick Rescorla machte, erinnert sich an die dramatischen Minuten. Sie schildert, wie der Sicherheitschef trotz der einstürzenden Türme ruhig blieb und unermüdlich Menschen aus dem Gebäude führte. Sein Einsatz gilt als einer der größten Rettungserfolge an jenem Tag. Während im Nordturm und später auch im Südturm Tausende starben, überlebten bei Morgan Stanley fast alle der rund 2700 Beschäftigten, die sich zum Zeitpunkt der Anschläge im Südturm aufhielten.
Der 11. September 2001 gehört zu den schwersten Terroranschlägen der Geschichte. Islamistische Terroristen des Netzwerks Al-Kaida hatten vier Passagierflugzeuge entführt. Zwei davon steuerten sie in die Zwillingstürme des World Trade Centers, eines in das Pentagon bei Washington, ein weiteres stürzte in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere Widerstand geleistet hatten. Die Zahl der unmittelbaren Opfer lag bei 2977. Doch die Folgen reichen weit darüber hinaus: Nach Angaben der US-Regierung ist die Zahl der Menschen, die später an Erkrankungen im Zusammenhang mit den Anschlägen starben, inzwischen höher als die der unmittelbaren Todesopfer. Durch den Einsturz der rund 400 Meter hohen Türme und die wochenlangen Brände entstand in Lower Manhattan ein hochgiftiges Gemisch aus pulverisiertem Beton, Glas, verbrannten Kunststoffen und anderen Schadstoffen. Zehntausende Einsatzkräfte, Helfer, Anwohner und Beschäftigte waren dem Staub und Rauch ausgesetzt. Das staatliche World Trade Center Health Program betreut mittlerweile mehr als 150.000 Menschen mit möglichen gesundheitlichen Folgen.
Zum 25. Jahrestag der Anschläge gedenken die USA der Opfer mit zahlreichen Zeremonien. In New York verlesen Angehörige am Ground Zero die Namen der Getöteten, sechs Schweigeminuten markieren die Einschläge der Flugzeuge und den Einsturz der Türme. Erstmals ist eine siebte Schweigeminute für jene vorgesehen, die später an den Folgen starben. Im Bryant Park werden 2753 leere Stühle aufgestellt – einer für jedes New Yorker Opfer. US-Präsident Donald Trump wird zu einer Gedenkveranstaltung am Pentagon erwartet und ordnete an, die Flaggen an Bundesgebäuden auf halbmast zu setzen. Rund 100 Millionen heute lebende Amerikaner waren damals zu jung, um sich an die Anschläge zu erinnern, oder noch nicht geboren.
Die Geschichte von Rick Rescorla steht exemplarisch für den Mut Einzelner inmitten einer Katastrophe. Sein Name wird bei den Gedenkfeiern neben denen der fast 3000 Getöteten genannt. Die Fotografin, die ihn kurz vor seinem Tod ablichtete, bewahrt sein Andenken. Für die Überlebenden von Morgan Stanley ist er der Mann, der ihnen das Leben rettete – ein Held, der nicht nach Ruhm strebte, sondern einfach seine Pflicht tat.
