Infantino bietet FIFA-Reformen an, schließt Rückzug aus
FIFA-Präsident Gianni Infantino reagiert auf anhaltende Kritik und bietet eine unabhängige Überprüfung der Governance sowie Konsultationen zur Stärkung der Entscheidungsprozesse an. Einen Verzicht auf eine erneute Kandidatur schließt er aus.
FIFA-Präsident Gianni Infantino hat auf die anhaltende Kritik an seinem Führungsstil reagiert und seinen Gegnern erstmals Gespräche über mögliche Reformen im Fußball-Weltverband angeboten. In einem Brief an die Chefs der 211 Mitgliedsverbände und die Mitglieder des FIFA-Councils kündigte der Schweizer eine unabhängige externe Überprüfung der FIFA-Governance sowie Konsultationen über eine Stärkung der Entscheidungsprozesse an, einschließlich der Rolle des Präsidenten. Das Schreiben liegt der Deutschen Presse-Agentur vor.
«Erstens werde ich den FIFA-Rat fragen, ob er eine unabhängige externe Untersuchung des derzeitigen Governance-Systems der FIFA für große strategische Projekte in Auftrag geben möchte. Zweitens möchte ich vorschlagen, dass der Rat eine direkte, strukturierte und zeitlich begrenzte Konsultation mit Konföderationen, Mitgliedsverbänden und relevanten Interessengruppen durchführt», schreibt Infantino auf Englisch an die Fußball-Funktionäre weltweit. Dabei solle «diskutiert werden, wie die Entscheidungsprozesse der FIFA weiter verbessert werden können», versichert der 56-Jährige.
Konkret bietet Infantino an, darüber zu diskutieren, wie die FIFA-Institutionen früher in große Projekte einbezogen werden können und welche Rolle dabei auch der FIFA-Präsident künftig haben soll. Vorschläge, die bis zur Sitzung des FIFA-Rates am 15. Oktober eingehen, können dort bereits berücksichtigt werden.
Infantino machte gleichzeitig klar, dass er die FIFA weiter anführen will. Von einem Verzicht auf eine Kandidatur für eine vierte Amtszeit beim Kongress im März 2027 ist in dem Brief nicht die Rede. Diesen Verzicht fordern seine Kritiker um UEFA-Präsident Aleksandar Ceferin. Auch der Deutsche Fußball-Bund um DFB-Chef Bernd Neuendorf, der auch im FIFA-Council sitzt, hat sich klar gegen Infantino positioniert. Eine Reaktion der Infantino-Gegner auf den Brief gab es bislang nicht.
«Ich bleibe voll und ganz dazu verpflichtet, die FIFA zu führen, und bin zuversichtlich, was wir gemeinsam erreichen können. Unsere Verantwortung ist größer als jeder einzelne Vorschlag oder jede Meinungsverschiedenheit. Sie besteht darin, die Unabhängigkeit der FIFA zu schützen, ihre Institutionen zu stärken und sicherzustellen, dass der Fortschritt des Fußballs dem gesamten Fußball zugutekommt, überall auf der Welt», schrieb Infantino.
Der Hintergrund: Infantino steht nach einem Vorstoß zur Vermarktung der WM-Rechte durch externe Investoren im Sommer massiv unter Druck. Die Europäische Fußball-Union UEFA und die Fußball-Verbände aus Nord- und Mittelamerika verfolgen seit mehreren Wochen einen harten Oppositionskurs gegen ihn. Einen Gegenkandidaten für die Präsidentschaftswahlen haben sie aber noch nicht benennen können.
Ende August eskalierte der Streit mit der Androhung eines Strafantrags vor Schweizer Gerichten im Zusammenhang mit den WM-Investorenplänen gegen Infantino. Dafür wurden bei US-Gerichten Informationen über die geplanten Geschäfte angefragt. Seinen Gegnern reichte Infantino nun durch das Schreiben symbolisch die Hand. «Die Behandlung eines Verbands wird nicht von seiner Position zu einem Vorschlag oder einer institutionellen Angelegenheit abhängen. Ich stehe weiterhin jedem von euch zur Verfügung. Jeder Mitgliedsverband hat das Recht, gehört zu werden. Einigkeit ist keine Voraussetzung für Dialog, und Meinungsverschiedenheiten sollten niemals den gegenseitigen Respekt verhindern», schrieb der Schweizer.
Ob der Vorstoß als echte Reformbereitschaft oder als taktischer Schachzug gewertet wird, dürfte sich bei der Ratssitzung am 15. Oktober zeigen. Bis dahin können die Mitgliedsverbände ihre Vorschläge einreichen. Die Kritiker um UEFA und DFB haben bislang nicht öffentlich auf das Angebot reagiert.
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