Wadephul erwartet Sieg der Ukraine – Putin droht mit Vergeltung
Bundesaußenminister Johann Wadephul sieht die Ukraine bei einem Besuch in Kiew auf Siegeskurs und will weitere Patriot-Systeme beschaffen. Kremlchef Putin kündigt derweil schärfere Angriffe an und spricht von der geöffneten „Büchse der Pandora“.
Bundesaußenminister Johann Wadephul hat sich bei einem Besuch in Kiew zuversichtlich über den Ausgang des russischen Angriffskriegs geäußert. Die Ukraine bewege sich gemeinsam mit ihren Unterstützern auf das eigentliche Ziel zu: endlich Frieden, sagte der CDU-Politiker. Zugleich betonte er, die Frage, wie der Krieg ende, sei entscheidend für die Zukunft Europas. „Es muss so enden, dass nicht das Recht des Stärkeren sich durchsetzt, sondern dass die Stärke des Rechts sich durchsetzt“, so Wadephul.
Der Besuch fällt in eine Phase massiver russischer Luftangriffe. Erst am Freitag waren bei einem Drohnenangriff auf ein Einkaufszentrum in Krywyj Rih 16 Menschen getötet und rund 130 weitere verletzt worden. Auch ein Angriff mit ballistischen Raketen auf einen Kiewer Vorort habe dem Minister unmittelbar vor Augen geführt, woran es der Ukraine derzeit am meisten fehle: an Mitteln, um diese schnellen Waffen abzuwehren. Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert seit langem zusätzliche Patriot-Abwehrraketen US-amerikanischer Bauart, bisher ohne Erfolg.
Wadephul kündigte an, bereits in der kommenden Woche erneut versuchen zu wollen, Bündnispartner zur Abgabe von Patriots zu bewegen. Als mögliche Lieferanten gelten Griechenland, Italien, Japan und Südkorea. Die Bundeswehr hat bereits fünf Systeme an die Ukraine abgegeben und sieht nach Angaben des Ministers keine Möglichkeit mehr, aus eigenen Beständen weitere zu liefern. Er regte jedoch an, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius die Reserven noch einmal prüft.
Aus Moskau kommt derweil Widerspruch zu Wadephuls Einschätzung. Kremlchef Wladimir Putin äußerte sich erstmals seit Beginn der ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien und Logistikzentren in einem Interview des Staatsfernsehens. Die Ukraine habe mit diesen Attacken die „Büchse der Pandora“ geöffnet und den „Geist aus der Flasche“ gelassen. „Die Gegenmaßnahmen werden nicht lange auf sich warten lassen“, sagte Putin. Die Handlungen der russischen Armee würden „noch deutlich spürbarer und zerstörerischer ausfallen“.
Putin bezeichnete die jüngsten Schläge mit ballistischen Raketen, bei denen so viele Zivilisten getötet wurden wie seit langem nicht, als passend und effektiv. Sie hätten den russischen Soldaten an der Front geholfen, ihre Aufgaben zu erfüllen. In den vergangenen Wochen hatte Russland diese Waffen immer häufiger eingesetzt, in dem Wissen, dass der Ukraine kaum noch Abfangraketen zur Verfügung stehen.
Auch auf einem Parteitag der Kremlpartei Geeintes Russland demonstrierten Putin und sein politischer Ziehsohn Dmitri Medwedew Siegesgewissheit. Medwedew, Vizechef des nationalen Sicherheitsrates, sprach von einem verschwindenden „Phantom-Land“ Ukraine, das bereits 20 Prozent seines Gebiets verloren habe. Tatsächlich konnte das russische Militär trotz massiver Verluste seit vielen Monaten keine großen Gebietsgewinne melden. Putin wies zudem „exotische Vorschläge“ für eine Friedenslösung zurück, die über Vermittler überbracht worden seien. Ein Dialog sei nur auf Grundlage der Situation an der Front möglich, sagte er.
