Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht erneut mit ballistischen Raketen angegriffen. Eine Frau wurde dabei getötet, mindestens zwölf Menschen wurden nach Angaben der Militärverwaltung verletzt. Die Luftabwehr war im Einsatz; ersten Berichten zufolge gab es Schäden in mindestens sieben Bezirken der Stadt und ihrer Umgebung.

Bürgermeister Vitali Klitschko teilte auf Telegram mit, im Bezirk Holossijiw seien zwei Verletzte aus den Trümmern eines Lagergebäudes geborgen worden. Eine Such- und Rettungsaktion habe zunächst noch angedauert, weil befürchtet werde, dass sich weitere Menschen unter den Trümmern befinden. Im Bezirk Obolon seien mehrere Brände ausgebrochen. Im Bezirk Desna geriet nach Klitschkos Angaben ebenfalls ein Lagerhaus in Brand; Trümmerteile einer Rakete seien in der Nähe eines Wohngebiets heruntergefallen.

Die Nacht war nicht der einzige Schauplatz neuer Kampfhandlungen. Russische Streitkräfte haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau sieben Frachtschiffe mit Drohnen angegriffen. Die Schiffe hätten im ukrainischen Hafen von Mykolajiw gelegen oder seien im Schwarzen Meer unterwegs gewesen, meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA. Russland begründet solche Angriffe wiederholt damit, dass Rüstungsgüter für das ukrainische Militär transportiert würden. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Zudem seien in Tschornomorsk eine Fabrik für Autoteile und ein Hafenterminal getroffen worden, wo ukrainische Streitkräfte Militärfahrzeuge repariert sowie Munition und Treibstoff gelagert haben sollen.

Auch auf russischer Seite gab es in der Nacht Angriffe: Die ukrainische Armee hat erneut Logistikzentren des Versandhändlers Wildberries attackiert. Nach Angaben der Zeitung «Kyiv Independent» unter Berufung auf russische Telegram-Kanäle wurden Standorte in Tschechow nahe Moskau sowie in Krasny Bor nahe Sankt Petersburg getroffen. Seit Mitte Juli sind nach Angaben russischer Behörden mehr als 20 Wildberries-Standorte in verschiedenen Teilen Russlands und auf der Krim angegriffen worden. Wildberries gilt als eine der größten Onlinehandelsplattformen des Landes, wird häufig als «russisches Amazon» bezeichnet und übernimmt auch Lieferungen für russische Unternehmen und das Militär.

Auf der von Russland annektierten Krim hat ein russischer Soldat nach Behördenangaben mehrere Menschen erschossen. Der von Moskau eingesetzte Gouverneur von Sewastopol, Michail Raswoschajew, erklärte auf Telegram, der Soldat habe zunächst das Feuer auf Kameraden eröffnet und dabei einen Militärangehörigen getötet. Anschließend habe er im Nachbardorf Chmelnizkoje drei Zivilisten getötet und drei weitere verletzt. Der mutmaßliche Täter sei festgenommen worden. Zum Motiv machten die Behörden vorerst keine Angaben. Die Halbinsel war bereits 2014 von Russland besetzt und für russisch erklärt worden.

Unterdessen hat der frühere Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, Walerij Saluschnyj, seine Skepsis über einen Nato-Beitritt der Ukraine geäußert. «Leider werden wir niemals wirklich beitreten», wurde der heutige Botschafter in Großbritannien vom Medium «Evropeiska Pravda» zitiert. Er habe dies bei einem Treffen ukrainischer Botschafter gesagt. Saluschnyj, der etwa zwölf Jahre lang an der Erfüllung von Nato-Standards gearbeitet haben will, erklärte, die Ukraine erfülle die militärischen Standards für einen Beitritt in keiner Weise. Es sei «unmöglich, mit dem Entwicklungsstand der ukrainischen Streitkräfte... einer Organisation beizutreten, die sich von Doktrinen des Zweiten Weltkriegs leiten lässt». Dem Land fehlten Technologien, die in Nato-Staaten bereits im Einsatz seien, etwa Raketenabwehr und Weltraumfähigkeiten.

Das strategische Ziel einer Mitgliedschaft in der Nato und der Europäischen Union ist in der ukrainischen Verfassung verankert. Saluschnyj war 2024 nach Meinungsverschiedenheiten mit Präsident Wolodymyr Selenskyj über die Kriegsführung als Oberbefehlshaber entlassen worden. Umfragen sehen sein Ansehen in der Bevölkerung etwa auf Augenhöhe mit dem von Selenskyj. Russland lehnt eine ukrainische Nato-Mitgliedschaft kategorisch ab.

Im Schwarzen Meer ist außerdem ein türkisches Frachtschiff von Drohnen angegriffen worden. Mindestens drei Seeleute wurden nach Regierungsangaben schwer verletzt. Der Angriff traf die «Nadeschda» etwa 20 Seemeilen (37 Kilometer) vom russischen Hafen Noworossijsk entfernt auf dem Weg nach Samsun in der Türkei. Das teilte die türkische Generaldirektion für Seeverkehr mit. Zur Herkunft der Drohnen äußerte sich die Behörde zunächst nicht.