Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Warum sich AfD-Wähler selbst sabotieren
Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen bei über 40 Prozent. Der Chefredakteur von t-online analysiert, warum viele Wähler der Partei damit gegen ihre eigenen Interessen stimmen.
Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt die als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestufte AfD in Umfragen bei über 40 Prozent. Die CDU folgt mit etwa 20 Prozentpunkten Abstand, die Linke kommt auf rund 13 Prozent. SPD, Grüne und BSW müssen um den Einzug in den Landtag bangen, die FDP spielt keine Rolle mehr. Diese Zahlen bestürzen nicht nur überzeugte Demokraten – sie offenbaren aus Sicht von Psychologen auch ein Phänomen, das als Selbstsabotage bekannt ist.
Der Chefredakteur von t-online, Florian Harms, beschreibt in seinem Newsletter „Tagesanbruch“ einen Effekt, den Fachleute kognitive Dissonanz nennen: Menschen treffen wider besseres Wissen Entscheidungen, die ihnen selbst schaden. In der Wählerschaft der AfD sei dieses Verhalten weit verbreitet. Zwar gebe es zweifellos viele Überzeugungswähler in der Partei, darunter nicht wenige Rechtsextremisten. Viele andere jedoch scheinen eher den diffusen Drang zu verspüren, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen und ihrem Frust über die gegenwärtige Politik Ausdruck zu verleihen.
Ein Blick auf das Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen AfD zeigt, warum diese Haltung als Selbstsabotage bezeichnet werden kann. Die Partei will die allgemeine Schulpflicht abschaffen und durch eine nebulöse „Bildungspflicht“ ersetzen. Trotz des massiven Ärztemangels will sie ausländische Ärzte wegen angeblicher „kultureller Differenzen“ ablehnen. Putins aggressives Regime soll nicht länger als Gefahr, sondern als „Partner“ behandelt werden. Der Staat soll gleichzeitig neue Sozialleistungen ausschütten, die Steuern senken und auf weitere Schulden verzichten – ein Widerspruch in sich selbst.
Wie passt der immense Zuspruch für die AfD mit ihren abstrusen Plänen zusammen? Was geschähe, falls die Partei wirklich an die Macht gelangte, womöglich sogar in einer Alleinregierung? Könnte sie ihre Vorhaben umsetzen und wer wäre davon betroffen? Und was planen AfD-Kader, ohne öffentlich laut darüber zu reden? Diesen Fragen geht die t-online-Journalistin Annika Leister nach, die die AfD seit Jahren intensiv beobachtet. Im Podcast „Tagesanbruch“ spricht sie mit Florian Harms und Nicole Fuchs-Wiecha über die Hintergründe der Umfragewerte und die möglichen Folgen einer Regierungsbeteiligung der Partei.
Die Analyse kommt zu einem ernüchternden Schluss: Wer mit halbwegs aufgeräumtem Verstand durchs Leben geht, kann das Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen AfD kaum anders denn als Selbstsabotage empfinden. Die Partei verspricht ihren Wählern Dinge, die sich gegenseitig ausschließen, und setzt dabei auf Themen, die den Menschen in der Region nachweislich schaden würden. Die Ablehnung ausländischer Ärzte etwa würde die ohnehin angespannte medizinische Versorgung weiter verschärfen – ausgerechnet in einem Bundesland, das unter Ärztemangel leidet.
Die Frage, warum Wähler einer Partei ihre Stimme geben, die gegen ihre eigenen Interessen handelt, beschäftigt nicht nur Politikwissenschaftler, sondern auch Psychologen. Der Begriff Akrasia beschreibt in der Philosophie das Phänomen, dass Menschen wissen oder ahnen, was gut für sie wäre, aber trotzdem das Gegenteil tun. In der Populärliteratur ist dieses Verhalten als Selbstsabotage bekannt. Bei der bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte sich zeigen, wie weit diese Selbstsabotage reicht – und welche Folgen sie für das Bundesland hätte.
