Die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika erlebt eine massive Migrationswelle. Innerhalb weniger Tage sind mehr als 1500 Menschen aus Afrika über das Meer nach Ceuta gelangt, darunter viele Minderjährige und Kinder. Die örtlichen Behörden haben Alarm geschlagen und sprechen von einer humanitären Notsituation. Der staatliche Fernsehsender RTVE berichtet, dass die Aufnahmezentren völlig überlastet seien und Hunderte Migranten auf den Straßen übernachten müssten.
Der Präsident der Region, Juan Jesús Vivas, forderte die spanische Zentralregierung auf, den nationalen Notstand auszurufen und das Militär an der Grenze zu Marokko einzusetzen. Madrid lehnt einen Notstand ab, ordnete jedoch den Einsatz von in Ceuta stationierten Armeeeinheiten zur Unterstützung der Grenzbeamten an. Nach Angaben der Zeitung «El País» handelt es sich um insgesamt 120 Kräfte. Diese Maßnahme war bereits während der Migrationskrise im Mai 2021 ergriffen worden.
Der Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo von der konservativen Volkspartei PP kritisierte die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez scharf. Auf der Plattform X sprach er von einer «verzweifelten Situation» und warf der Regierung vor, wegzusehen. Es handle sich um eine Krise der nationalen Sicherheit. Das Innenministerium wies die Forderung nach einem Notstand unter Verweis auf die geltenden Zivilschutzvorschriften zurück: Migrationsbewegungen seien demnach nicht als Risiko für das nationale Zivilschutzsystem vorgesehen. Spanien und Marokko hätten vereinbart, ihre Zusammenarbeit zur Bewältigung der Migrationsbewegungen zu verstärken und alle illegal Eingereisten rasch zurückzuführen.
Die Migranten erreichten Ceuta in den vergangenen Tagen überwiegend schwimmend. Videos zeigen jubelnde Menschen, die über die Felsblöcke des künstlichen Damms an der Grenze zu Marokko klettern. An den Stränden fanden sich Schwimmringe, Flossen und Neoprenanzüge. Die Migranten sind überwiegend junge Männer, aber auch Familien mit Frauen und Kindern. Sie rufen unter anderem «Viva España!». Zusätzlich zu den Ankünften auf dem Seeweg sollen mehr als tausend Menschen über den Grenzzaun geklettert sein. Die Zahlenangaben schwanken stark.
Der Weg über das Meer ist gefährlich: Die spanische Polizeieinheit Guardia Civil entdeckte die Leichen von zehn Menschen, die vermutlich beim Versuch ertrunken waren. Der Regionalpräsident Vivas teilte mit, dass in den vergangenen zwölf Monaten rund 60 Leichen mutmaßlicher Migranten geborgen wurden. Vivas sprach von einer «Situation des totalen humanitären und sozialen Notstands».
Die Situation erinnert an die Krise im Mai 2021, als innerhalb von 36 Stunden mehr als 8000 Menschen nach Ceuta strömten. Damals warf Madrid Marokko vor, die Grenzkontrollen gelockert zu haben, um Druck im Streit um die Westsahara auszuüben. Die Beziehungen verbesserten sich erst nach einer Kehrtwende von Sánchez, der 2022 den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara als ernsthafte Grundlage bezeichnete. Seither arbeiten beide Länder in Migrationsfragen enger zusammen.
Nun spekulieren Medien über einen möglichen Zusammenhang mit einer Algerien-Reise von Sánchez in der vergangenen Woche. Marokko und Algerien stehen sich im Westsahara-Konflikt unversöhnlich gegenüber. Einige Beobachter halten es für möglich, dass Rabat die Grenzkontrollen gelockert habe, um ein politisches Signal zu senden. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Die Lage in Ceuta bleibt angespannt. Die Regionalregierung fordert weiterhin eine nationale Notstandserklärung und mehr Unterstützung. Unterdessen setzen die Migranten ihren Weg fort – trotz der Gefahren auf dem Meer und der ungewissen Zukunft.



