Nato testet Drohnen-Netzwerk in Wiesbaden gegen russische Bedrohung
Die Nato baut in Wiesbaden ein Innovationslabor aus, in dem zehn Mitgliedstaaten die Vernetzung von Drohnen, Sensoren und KI für die Abschreckung an der Ostflanke vorantreiben. Hintergrund sind zunehmende Drohnenangriffe im Bündnisgebiet.
Die Nato verstärkt angesichts wachsender Furcht vor russischen Drohnenangriffen ihre technologische Verteidigungsfähigkeit an der Ostflanke. Am Hauptquartier des US-Heeres für Europa und Afrika in Wiesbaden-Erbenheim erweitert das Bündnis eine zentrale IT-Architektur, den sogenannten Data Backbone, und verbindet damit ein Netzwerk aus Drohnen, Bodensensoren, Radaren und KI-gestützten Werkzeugen. Ziel ist es, im Ernstfall unverzüglich auf Attacken reagieren zu können.
In dem Innovationszentrum mit dem Namen «Wiesbaden Integration and Innovation Lab» forschen Offiziere, Programmierer und Ingenieure an der Vernetzung dieser Systeme. Nach Angaben von Major Ben Schiff sind derzeit zehn Nato-Staaten eingebunden, und die Teilnahme wächst schnell. Das Labor in den Lucius D. Clay Barracks konzentriert sich nicht nur auf Drohnen, sondern auf verschiedene Fähigkeiten für die «Eastern Flank Deterrence Initiative» (EFDI), eine Initiative zur Abschreckung an der Ostflanke.
Das mehrstufige Verteidigungskonzept sieht vor, einen möglichen Vormarsch von Angreifern in Osteuropa zunächst mit Hightech aufzuhalten. Ein Gegner müsste diese Überwachung mit ferngesteuerten oder teilautomatisierten Systemen erst überwinden, bevor er mit Panzern und Soldaten weiter vorrücken könnte. «Wenn wir neue Technologien, die in der Allianz entwickelt werden, nicht schnell integrieren können, werden wir von unseren Gegnern überholt», warnt Schiff.
Die Dringlichkeit hat in jüngster Zeit zugenommen. Erst kürzlich schossen Eurofighter erstmals eine Drohne über Litauen ab. Im August kam es zu einem Anschlagsversuch mit einer Sprengdrohne am Flughafen Leipzig/Halle. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete Drohnen vor wenigen Monaten als «die technologische Grundlage der modernen Kriegsführung». Der seit viereinhalb Jahren tobende Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zeigt laut den US-Streitkräften, dass nicht nur die technische Qualität von Drohnen, sondern auch ihre Kommunikation untereinander immense Bedeutung hat.
Im Innovationslabor in Erbenheim arbeiten Spezialisten daran, wie Aufklärungsdrohnen, Bodensensoren, Radare, Kameras und Waffensysteme in Sekundenschnelle interagieren können. Das entstehende digitale Netzwerk ermöglicht es nach Schiffs Worten, «dass Sensordaten mit Maschinen-Geschwindigkeit an jeden in der Allianz fließen, der sie benötigt». Während sogenannter Integrationstests steuern Experten von Wiesbaden aus zeitweise sogar Drohnen über dem fernen Baltikum, um in Echtzeit Erfahrungen zu sammeln.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der 3D-Druck. «Ersatzdrohnenteile und neue Drohnenteile für Experimente werden mit 3D-Druckern hergestellt. Das ermöglicht schnelles Testen und Anpassen sowie Wartung bei reduziertem logistischen Aufwand», erklärt Schiff. Die Entwicklung neuer Technik soll so rascher und preiswerter werden. Allerdings können nicht alle nötigen Drohnenteile im 3D-Drucker entstehen. Bei wieder anderen wäre es zwar möglich, «aber es wäre sinnvoller, sie bei der Herstellung in großen Stückzahlen spritzgegossen zu produzieren», so der «Software Operations Officer». «Die richtige Kombination zu haben ist das, was Masseneinsatz ermöglicht.»
Das EFDI-Konzept zielt laut Schiff darauf ab, «autonome Systeme und verteilte Steuerung zu ermöglichen, die nicht von einem einzigen zentralen Kontrollzentrum abhängen». Die Steuerung könne von jedem funktionierenden Kontrollzentrum aus erfolgen, das eine Verbindung hat. Letztlich solle das Konzept ermöglichen, «Daten von Millionen von Sensoren in Maschinengeschwindigkeit auszuwerten, um einen russischen Einmarsch zu erkennen und eine schnelle Reaktion der Nato zu ermöglichen». Das Bündnis könne «innerhalb von Sekunden reagieren».
Der US-Offizier betont zugleich, dass Künstliche Intelligenz nur dazu diene, Entscheidungsprozesse «zu beschleunigen, indem sie hilft, große Datenmengen zu verarbeiten». Alle «Zielentscheidungen» würden von Menschen getroffen. Der Standort Erbenheim blickt auf eine fast hundertjährige Luftfahrtgeschichte zurück: 1929 wurde hier eine Pferderennbahn zugunsten des «Flughafens Wiesbaden-Mainz» aufgegeben. Die Luftwaffe der Nazis nutzte den Airport im Zweiten Weltkrieg als Jagd- und Bomberbasis. 1948/1949 war er einer der Start- und Landeplätze für die Luftbrücke der Alliierten mit den sogenannten Rosinenbombern zum belagerten Berlin. Heute bilden hochmoderne Aufklärungsdrohnen den vorläufigen Schlusspunkt dieser Entwicklung.
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