Der Christopher Street Day (CSD) in Berlin endete am Samstagabend in einer Tragödie: Ein Mann steuerte einen weißen Van in eine Menschenmenge am Rand der Veranstaltung. Eine Frau erlitt tödliche Verletzungen, 29 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CDU) erklärte, «alles deutet auf einen islamistischen Terroranschlag hin». Der mutmaßliche Täter Abdul B. ist weiter auf der Flucht, die Polizei fahndet bundesweit nach ihm.
Der 21-jährige Abdul B. wurde in Deutschland geboren, ist deutscher Staatsbürger und hat einen libanesischen Hintergrund. Seine Mutter wurde 2002 in Deutschland eingebürgert. Das Innenministerium beschreibt ihn als schlank und etwa 1,90 Meter groß. Nach Angaben der Nachrichtenagentur DPA lebt seine Familie in Berlin. Er war erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen worden.
Die Behörden zeichnen ein düsteres Bild von Abdul B. Bereits im Februar 2022 verurteilte ihn das Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Tiergarten wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung. Im Mai 2026 sprach das Amtsgericht Tiergarten eine Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung aus – unter anderem wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte Abdul B. 2025 versucht, sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Am 20. Mai 2025 reiste er vom Flughafen Berlin-Brandenburg in den Libanon aus, um von dort nach Syrien zu gelangen. Im Libanon nahm er Kontakt zu mutmaßlichen IS-Mitgliedern auf, wurde jedoch festgenommen und von einem Militärgericht zu drei Monaten Haft verurteilt – unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten. Nach seiner Haftentlassung kehrte Abdul B. nach Deutschland zurück, wurde aufgrund eines Haftbefehls am Flughafen Berlin-Brandenburg festgenommen und befand sich bis zum Urteil in Untersuchungshaft. Zudem hatte er am 16. und 24. Juni 2024 auf seinem Instagram-Account verbotene IS-Propaganda veröffentlicht.
Am 3. Juli 2026 durchsuchte die Polizei seine Wohnung in Berlin-Schöneberg wegen des Anfangsverdachts eines Verstoßes gegen das Waffengesetz. Dabei wurde lediglich eine Spielzeugwaffe sichergestellt. Dobrindt betonte, der Tatverdächtige sei bereits in der Vergangenheit «auffällig» geworden und weise ein «hohes Maß von Straftaten» auf. Der Innenminister ordnete die Tat als islamistischen Terroranschlag ein. Der Verdächtige habe sich radikalisiert und gehöre der islamistischen Szene an.
Das Tatgeschehen selbst ereignete sich gegen 22 Uhr am Potsdamer Platz, unweit der CSD-Veranstaltung. Der weiße Kastenwagen fuhr nach Angaben von Polizeisprecher Florian Nath am Ahornsteig parallel zur Lennéstraße und erfasste mehrere Menschen, bevor er gegen einen Baum prallte. Dobrindt berichtete, der Mann habe anschließend mit einer Stichwaffe – mutmaßlich einer Machete – weitere Menschen verletzt. Nach Polizeiangaben befand sich am Nachmittag niemand mehr in einem lebensbedrohlichen Zustand.
Viele Fragen sind noch offen. Abdul B. ist weiter flüchtig, die Berliner Polizei und die Bundespolizei fahnden an Bahnhöfen, Flughäfen und an den Grenzen. Unklar ist, ob Abdul B. tatsächlich am Steuer des Fahrzeugs saß. Die Polizei stellte lediglich fest, dass es sich um ein Privatfahrzeug und nicht um einen Mietwagen handelte. Zeugenaussagen zufolge gibt es widersprüchliche Angaben zur Täterzahl – es könnte sich um einen Einzeltäter oder um mehrere Täter handeln. Auch die Identität der getöteten Frau und der Verletzten ist noch nicht gesichert.
Der Angriff auf den CSD hat bundesweit Bestürzung ausgelöst. Der Berliner Senat sprach von einem «feigen Anschlag» und rief zu Zusammenhalt auf. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, während die Sicherheitsbehörden das Landeskriminalamt und das Bundeskriminalamt eingeschaltet haben. Der Fall wirft erneut Fragen nach der Überwachung von islamistischen Gefährdern und dem Umgang mit radikalisierten Straftätern auf. Abdul B. war den Behörden mehrfach aufgefallen, dennoch konnte er offenbar unbehelligt einen Anschlag vorbereiten und durchführen. Die politische Debatte über schärfere Sicherheitsgesetze dürfte in den kommenden Tagen neu aufflammen.



