Die AfD hat auf ihrem Bundesparteitag in Erfurt ihr Spitzenduo aus Alice Weidel und Tino Chrupalla für weitere zwei Jahre im Amt bestätigt. Beide traten ohne Gegenkandidaten an. Weidel erhielt 81,3 Prozent der Delegiertenstimmen und verbesserte sich damit leicht gegenüber der Wahl von 2024. Chrupalla hingegen schnitt mit rund 70 Prozent deutlich schwächer ab als damals, als er noch 83 Prozent Zustimmung erhalten hatte. Nach der Wahl zeigte sich Chrupalla dennoch zufrieden und betonte, dass ihm mehr als zwei Drittel der Delegierten ihr Vertrauen ausgesprochen hätten.
Der Parteitag wurde von massiven Protesten begleitet. Nach Angaben der Polizei beteiligten sich am Samstag rund 31.000 Menschen an Demonstrationszügen, Kundgebungen und Sitzblockaden in Erfurt. Die Bündnisse „Zusammenstehen“ und „Widersetzen“ sprachen sogar von 50.000 Teilnehmern. Die Proteste verliefen größtenteils friedlich, es gab jedoch vereinzelte Zwischenfälle. Die Polizei zählte am Samstag 48 Straftaten, darunter kleinere Scharmützel an Absperrungen und den Einsatz von Pfefferspray. An einer Sitzblockade auf der Autobahn 71 sowie auf Zufahrtsstraßen nach Erfurt beteiligten sich zeitweise mehrere Tausend Menschen.
Besondere Aufmerksamkeit erregten Angriffe auf Medienschaffende während der Proteste. Die Polizei leitete Ermittlungen ein und erklärte, dass Angriffe auf Journalisten konsequent verfolgt würden. Es sei zu Übergriffen gekommen, insbesondere auf Livestreamer. Zwei Streamer seien aus einer Gruppe von Demonstranten heraus verfolgt und angegriffen worden, ein Dritter sei vor dem Tagungsort bedrängt, aber nicht verletzt worden. Das Portal „Apollo News“ berichtete, eines seiner Reporterteams sei attackiert worden. Der Chefredakteur schrieb auf der Plattform X, einem Mitarbeiter sei gegen den Hinterkopf getreten worden. Die Polizei berichtete zudem von einem Fall, bei dem zwei Journalisten durch Flaschenwürfe verletzt worden seien. Ein Journalist musste mit einem Krankenwagen zur weiteren Behandlung abtransportiert werden. Ob es sich bei den Vorfällen um dasselbe Ereignis handelte, blieb zunächst unbestätigt.
Inhaltlich blieb der Parteitag weitgehend frei von größeren Kontroversen. Beobachter führten dies auch darauf zurück, dass die AfD in den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern keine unnötigen Angriffsflächen bieten wollte. Ein Antrag zur Überarbeitung der sogenannten Unvereinbarkeitsliste, die bislang verhindert, dass ehemalige Mitglieder extremistischer Gruppierungen in die AfD aufgenommen werden, wurde nicht inhaltlich diskutiert. Co-Vorsitzende Weidel schlug stattdessen vor, der neue Parteivorstand solle die Liste überarbeiten. „Der Bundesvorstand hätte das schon längst machen müssen“, sagte Weidel. Daraufhin zogen Delegierte, darunter der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke, den Antrag zurück.
Höcke selbst sorgte mit einer ungewöhnlichen Aussage für Aufsehen. Er sagte, die AfD müsse heilen: „Wir müssen einen Teil der Nation auf die Couch legen und therapieren. Es geht darum, Deutschland wieder mit sich selbst zu befreunden. Wir müssen unsere Identität wieder gewinnen.“ Die Rede fand bei den Delegierten großen Anklang.
Die zweite Reihe des Bundesvorstandes wurde komplett ausgetauscht. Mit Stefan Möller wurde ein Vertrauter von Höcke zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt. Er erhielt 76,54 Prozent der Stimmen. Der Thüringer AfD-Co-Chef Möller bezeichnet Höcke als Weggefährten und Freund, wies aber Darstellungen zurück, er sei von ihm ferngesteuert. Neu als Vize ist zudem Katrin Ebner-Steiner, Co-Vorsitzende der bayerischen AfD-Landtagsfraktion. Sie kündigte an, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) „aus der Staatskanzlei jagen“ zu wollen. Sie trat ohne Gegenkandidaten an und erhielt knapp 56 Prozent. Auf den dritten Vize-Posten wählten die Delegierten Sven Tritschler aus Nordrhein-Westfalen, der die AfD „an der Schwelle zur Macht“ sieht. Er setzte sich mit 50,7 Prozent gegen Kay Gottschalk durch, der vergeblich mit Parolen wie „Remigration löst viele Probleme“ zu punkten versuchte.
Neuer Bundesschatzmeister der AfD ist Hannes Gnauck, der frühere Chef der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative. Er setzte sich gegen den langjährigen Schatzmeister Carsten Hütter durch. Die übrigen Posten im Bundesvorstand wurden teils mit bekannten, teils mit neuen Gesichtern besetzt. Am Sonntag, während die Delegierten Rechnungsprüfer wählten und Satzungsfragen diskutierten, blieb es in Erfurt ruhig. Die Polizei war weiterhin mit einem großen Aufgebot im Einsatz, auch von der Bundespolizei und aus anderen Bundesländern.



