Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht zu Mittwoch erneut mit einem massiven Raketen- und Drohnenangriff überzogen. Nach Angaben der Behörden kamen dabei mindestens 15 Menschen ums Leben, mehr als 50 wurden verletzt. Die ukrainische Luftwaffe räumte ein, bei dem russischen Angriff keine einzige Rakete abgeschossen zu haben.

Der staatliche Rettungsdienst teilte zunächst mit, in Kiew seien 14 Tote geborgen worden, 27 weitere Menschen hätten Verletzungen erlitten. Die Nachrichtenwebsite «Kyiv Independent» berichtete unter Berufung auf Behördenangaben von 15 Toten und 51 Verletzten. Bei dem Angriff seien außerdem mehrere Lagerhäuser in der Region Kiew beschädigt worden.

Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe griff die russische Armee das Land in der Nacht mit 98 Drohnen und 28 Raketen an. Nur die Drohnen seien abgefangen worden. Kiew beklagt seit längerem einen Mangel an Abwehrraketen für die Luftverteidigung. Die Angriffe richteten sich vor allem gegen die Hauptstadt und ihre Umgebung.

Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete von Schäden in mindestens sieben Bezirken. Im Bezirk Holossijiw seien zwei Verletzte aus den Trümmern eines Lagergebäudes geborgen worden, die Such- und Rettungsaktion habe zunächst noch angedauert. Es werde befürchtet, dass sich weitere Menschen unter den Trümmern befinden. Im Bezirk Obolon seien mehrere Brände ausgebrochen, im Bezirk Desna habe ein Lagerhaus in Flammen gestanden. Trümmerteile einer Rakete seien in der Nähe eines Wohngebiets niedergegangen.

Unterdessen setzt die ukrainische Armee ihre Angriffe auf russisches Hinterland fort. In der russischen Region Tula ist nach Angaben des Gouverneurs Dmitri Miljajew bei einem ukrainischen Drohnenangriff ein Logistikzentrum des Online-Händlers Wildberries in Brand geraten. Ein Mensch wurde verletzt. Der russische Marktführer Wildberries bestätigte den Angriff; die Beschäftigten seien in Sicherheit gebracht worden, die Lieferströme würden umgeleitet. Miljajew zufolge wurden zudem zwei Industrieanlagen und zwei Wohnhäuser in der Region beschädigt.

Seit Mitte Juli haben die ukrainischen Streitkräfte mehr als ein Dutzend Anlagen von Wildberries mit Drohnen angegriffen und zum Teil erheblich beschädigt. In der Nacht zu Dienstag waren nach Angaben des «Kyiv Independent» unter Berufung auf russische Telegram-Kanäle auch Logistikzentren in Tschechow nahe Moskau und in Krasny Bor nahe Sankt Petersburg getroffen worden. Wildberries ist eine der größten Onlinehandelsplattformen Russlands und wird wegen seines breiten Angebots häufig als «russisches Amazon» bezeichnet. Das Unternehmen übernimmt auch wichtige Lieferungen für russische Unternehmen und das Militär.

Auch auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim gab es einen schweren Vorfall. Nach Behördenangaben hat ein russischer Soldat in Sewastopol mindestens vier Menschen erschossen. Der von Moskau eingesetzte Gouverneur Michail Raswoschajew teilte mit, der Soldat habe zunächst das Feuer auf Kameraden eröffnet und dabei einen Militärangehörigen getötet. Anschließend habe er im Nachbardorf Chmelnizkoje drei Zivilisten getötet und drei weitere verletzt. Der Täter sei festgenommen worden. Das Motiv blieb zunächst unklar.

Das russische Verteidigungsministerium meldete unterdessen Angriffe auf sieben Frachtschiffe. Sie hätten im ukrainischen Hafen von Mykolajiw gelegen oder seien im Schwarzen Meer unterwegs gewesen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur RIA. Zudem seien in Tschornomorsk eine Fabrik für Autoteile und ein Hafenterminal getroffen worden. Russland begründet solche Angriffe regelmäßig mit dem Vorwurf, es würden Rüstungsgüter für das ukrainische Militär transportiert. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Der frühere Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, Walerij Saluschnyj, sieht unterdessen keine Aussicht auf einen Nato-Beitritt seines Landes. «Leider werden wir niemals wirklich beitreten», wurde der jetzige Botschafter in Großbritannien am Montag von der ukrainischen Website «Evropeiska Pravda» zitiert. Seine Äußerungen reihen sich ein in die anhaltende Debatte über Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach dem Krieg.