Warum Deutschland viele Schutzsuchende anzieht – und die Schweiz kein Gegenbeispiel ist
Deutschland bleibt ein wichtiges Zielland für Menschen aus Syrien, Afghanistan und der Türkei. Doch die Unterschiede zu Schweiz und Skandinavien entstehen aus Netzwerken, Routen und Regeln – nicht aus einer einfachen Nord-Süd-Teilung.
Die Vorstellung ist verbreitet: Menschen aus dem Nahen Osten kommen über Südeuropa, ziehen weiter nach Frankreich oder Deutschland und meiden die Schweiz sowie die nordischen Länder. Die Asylzahlen für 2025 zeigen jedoch ein komplizierteres Bild. Deutschland ist tatsächlich ein zentrales Zielland. Die Schweiz verzeichnet dagegen weniger Gesuche in absoluten Zahlen, liegt pro Einwohner aber über dem europäischen Durchschnitt. Schweden und Finnland haben deutlich niedrigere Zahlen als noch vor einigen Jahren, nehmen aber weiterhin Schutzsuchende aus Afghanistan, Syrien, Iran und Irak auf.
In den EU+-Staaten wurden 2025 rund 822.000 Asylanträge gestellt. Deutschland lag mit 163.000 Anträgen an der Spitze, gefolgt von Frankreich mit 152.000, Spanien mit 143.000 und Italien mit 134.000. Zusammen mit Griechenland entfielen auf diese fünf Staaten 80 Prozent aller Anträge. Diese Konzentration erklärt den politischen Eindruck, dass sich das europäische Asylgeschehen auf wenige Länder verteilt.
Für Deutschland ist die Zusammensetzung besonders wichtig. Afghanische, syrische und türkische Staatsangehörige stellten ihre Anträge 2025 überdurchschnittlich oft hier. Dahinter steht nicht nur die Größe des deutschen Asylsystems. Deutschland verfügt über große bereits etablierte Gemeinschaften: Anfang 2026 lebten rund 936.000 syrische, 450.000 afghanische und 254.000 irakische Staatsangehörige im Land. Solche Netzwerke verändern die praktische Entscheidung, wohin Menschen gehen. Wer Verwandte oder Bekannte in einer Stadt hat, findet eher eine erste Unterkunft, Informationen über Behörden, Übersetzungshilfe, Kontakte zu Schulen und Hinweise auf Arbeit.
Die EU-Asylagentur nennt genau diese Faktoren als wichtige Erklärung für die Wahl eines Ziellandes: Diaspora, familiäre, sprachliche und kulturelle Bindungen, vorhandene Reiserouten sowie wahrgenommene wirtschaftliche Chancen. Die formelle Anerkennungsquote allein erklärt die Unterschiede zwischen den Staaten dagegen schlecht. Ein Land kann ähnliche Schutzquoten haben wie ein Nachbar und trotzdem deutlich mehr Anträge erhalten.
Südeuropa spielt zugleich eine andere Rolle. Italien und Griechenland liegen an den Außengrenzen und sind deshalb oft Staaten des ersten Kontakts. Die zentrale Mittelmeerroute blieb 2025 trotz insgesamt sinkender irregulärer Grenzübertritte die aktivste Route. In Süditalien gingen etwa 66.300 Menschen an Land. Das bedeutet aber nicht, dass alle dort dauerhaft bleiben wollen. Ein Teil hat familiäre oder soziale Bindungen in Deutschland, Frankreich oder anderen Staaten.
Auch die Herkunft unterscheidet sich stark. In Spanien waren venezolanische und malische Anträge besonders konzentriert, in Italien unter anderem bangladeschische, ägyptische und peruanische. Frankreich verzeichnete große Gruppen aus der Demokratischen Republik Kongo, Haiti, Afghanistan und Sudan. Von einem einheitlichen Strom „aus dem Nahen Osten nach Südeuropa“ kann deshalb keine Rede sein.
Die Schweiz ist noch deutlicher ein Gegenargument gegen eine einfache Landkarte. 2025 wurden dort 25.781 Asylgesuche gestellt. Das ist viel weniger als in Deutschland. Gemessen an der Bevölkerung waren es aber rund 2,8 Gesuche je 1.000 Einwohner und damit mehr als der europäische Durchschnitt von 1,8. Zu den großen Gruppen gehörten Afghanen und Türken; auch Syrer und Iraker stellten Gesuche. Das Schweizer Staatssekretariat für Migration beschreibt die Schweiz zwar im Vergleich mit Deutschland, Frankreich oder Großbritannien als weniger bedeutendes Endziel und häufiger als Transitland. Das ist jedoch etwas anderes als eine geringe Asylbelastung pro Einwohner.
In Schweden ist der Rückgang tatsächlich ausgeprägt. Rund 6.700 Asylanträge im Jahr 2025 waren der niedrigste Wert des 21. Jahrhunderts. Die größten Gruppen kamen dennoch aus Afghanistan, Syrien, Iran, Irak und Eritrea. Die schwedische Migrationsbehörde führt den Rückgang sowohl auf die allgemeine Entwicklung in Europa als auch auf nationale Regeländerungen zurück. Finnland registrierte 2.549 Anträge; Afghanen und Iraker gehörten auch dort zu den wichtigsten Gruppen.
Hinzu kommt das europäische Zuständigkeitssystem. Seit dem 12. Juni 2026 gelten die neuen Regeln des EU-Migrations- und Asylpakts. Grundsätzlich soll der Antrag im Staat der ersten Einreise gestellt werden; bei der Zuständigkeit zählen aber weiterhin familiäre Bindungen, Visa und Aufenthaltstitel. Für unerlaubte Weiterwanderung gibt es schnellere Rückführungs- und Überstellungsverfahren. Die Schweiz ist als Dublin-assoziierter Staat in die entsprechenden Zuständigkeitsregeln eingebunden.
Die Unterschiede zwischen Deutschland, der Schweiz und Nordeuropa entstehen deshalb aus mehreren Schichten zugleich: geografischer Zugang, Registrierung, bestehende Gemeinschaften, Familienbeziehungen, Arbeitsmarkt und nationale Politik. Zudem kann sich die Lage schnell verschieben. Die Zahl syrischer Anträge in der EU+ fiel 2025 nach dem Sturz des Assad-Regimes um rund 72 Prozent. Deutschlands Bedeutung bleibt groß, aber die Karte des Asyls ist kein dauerhaftes Gefälle von Süden nach Norden. Sie verändert sich mit jeder neuen Route, jeder politischen Entscheidung und jeder Krise in den Herkunftsländern.
