Grigori Michnow-Waitenko wird 59: Geistlicher, Menschenrechtler und Helfer ukrainischer Geflüchteter
Der russische Erzbischof verbindet seit Jahren kirchlichen Dienst mit Menschenrechtsarbeit. Seit 2022 organisiert sein Umfeld konkrete Hilfe für Ukrainerinnen und Ukrainer, die durch Russland reisen oder dort festsaßen.
Grigori Michnow-Waitenko wird am 3. September 59 Jahre alt. In Russland ist er zugleich Geistlicher, Menschenrechtler und inzwischen auch offiziell als „ausländischer Agent“ registrierte Person. Hinter diesen Schlagworten steht jedoch eine Biografie, die vor allem von einer ungewöhnlichen Verbindung geprägt ist: religiöse Überzeugung wird bei ihm immer wieder zu sehr praktischer Hilfe.
Michnow-Waitenko wurde am 3. September 1967 in Moskau geboren. Bevor er Geistlicher wurde, studierte er am Filmhochschulinstitut WGIK und arbeitete im Fernsehen. 1985 ließ er sich im Umfeld der Gemeinde des Priesters Alexander Men taufen. 2008 wurde er zum Diakon, 2009 zum Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche geweiht.
Der Krieg in der Ukraine wurde 2014 zur entscheidenden Zäsur. Michnow-Waitenko wandte sich öffentlich gegen die freiwillige Teilnahme an einem Krieg, den er als brudermörderisch betrachtete, und beantragte seinen Rückzug aus dem aktiven Dienst der Moskauer Kirche. 2015 schloss er sich der Apostolischen Orthodoxen Kirche an und wurde dort Bischof.
Am 29. April 2023 wählte ihn ein außerordentliches Konzil dieser Kirche einstimmig zum Oberhaupt. Die Kirche führt ihn zugleich als Leiter ihrer euro-asiatischen Erzdiözese in St. Petersburg.
Seine gesellschaftliche Bedeutung ist jedoch nicht nur kirchlich. Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 kamen immer mehr ukrainische Vertriebene nach St. Petersburg und in die Region. Manche wollten in Russland bleiben, viele wollten weiter in die Europäische Union. Sie brauchten Papiere, medizinische Versorgung, Fahrkarten, Unterkünfte und verlässliche Informationen über Grenzwege.
Aus diesem Bedarf entstand bei der örtlichen Kirchengemeinde ein Hilfszentrum für Geflüchtete und Vertriebene. Es arbeitete mit Freiwilligen, Juristen, Ärzten und Fahrern. Michnow-Waitenko betonte dabei einen Grundsatz, der in der Flüchtlingshilfe leicht verloren gehen kann: Nicht Helfer sollen bestimmen, was ein Mensch mit seinem Leben tut. Wer nach Europa wollte, sollte Unterstützung auf diesem Weg bekommen; wer blieb, ebenfalls.
Bis März 2024 hatte das Zentrum nach seinen Angaben ungefähr 40.000 Anfragen bearbeitet. Die Zahl bezeichnet keine 40.000 verschiedenen Menschen — Familien konnten sich mehrfach melden, und einzelne Fälle umfassten mehrere Probleme. Trotzdem macht sie die Dimension der Arbeit deutlich.
Schon 2022 erhielt Michnow-Waitenko den Menschenrechtspreis der Moskauer Helsinki-Gruppe für seinen Einsatz für Gefangene und andere besonders verletzliche Gruppen. Seine Flüchtlingsarbeit war damit keine spontane neue Rolle, sondern Teil einer länger gewachsenen Menschenrechtspraxis.
Im Februar 2024 kündigte er an, am Solowezki-Stein in St. Petersburg eine Totenandacht für Alexej Nawalny halten zu wollen. Die Polizei nahm ihn in der Nähe seiner Wohnung fest. Später wurde er mit einem Schlaganfall in ein Krankenhaus gebracht. Das Verwaltungsverfahren wurde Monate später wegen abgelaufener Fristen eingestellt.
Am 19. Juli 2024 nahm das russische Justizministerium Michnow-Waitenko in das Register der „ausländischen Agenten“ auf. Er erklärte, die Einstufung gerichtlich anfechten zu wollen. Um das Hilfszentrum nicht zusätzlich von seiner Person abhängig zu machen, gab er einen Teil der bürokratischen Arbeit an andere Mitarbeiter ab.
Der Druck setzte sich fort. 2025 wurde er wegen einer Antikriegsansprache aus dem Jahr 2022 mit einer Geldstrafe belegt. Im Juni 2026 berichtete er von einem neuen Verwaltungsprotokoll wegen angeblicher Zusammenarbeit mit einer „unerwünschten Organisation“.
Michnow-Waitenko arbeitet dennoch weiter in Russland. Gerade für ein deutsches Publikum, das seit 2022 Millionen ukrainische Schutzsuchende in Europa erlebt hat, ist sein Beitrag verständlich: Er arbeitete an einem früheren, oft unsichtbaren Abschnitt derselben Fluchtwege. Bevor Menschen in Berlin, Hamburg oder München ankamen, mussten manche erst durch ein Land gelangen, dessen Armee ihre Heimat angegriffen hatte.
Sein 59. Geburtstag ist deshalb kein Anlass für eine überhöhte Heldengeschichte. Seine Leistung liegt eher in der Beharrlichkeit des Alltags: jemanden zum Arzt bringen, Dokumente klären, eine Fahrt organisieren, für einen Toten beten und an der Überzeugung festhalten, dass menschliche Würde nicht davon abhängt, auf welcher Seite einer Grenze jemand gerade steht.
