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Wie Spenden in der Ukraine zu einem Teil der Militärlogistik wurden

Sieben von zehn Befragten unterstützen die ukrainischen Streitkräfte regelmäßig oder gelegentlich finanziell. Dahinter steht ein dezentrales Netzwerk aus persönlichen Kontakten, digitalen Zahlungen und Freiwilligen.

Wie Spenden in der Ukraine zu einem Teil der Militärlogistik wurden
АрміяInform

In der Ukraine beginnt eine Militärspende oft nicht bei einer großen Stiftung, sondern im persönlichen Umfeld. Ein Soldat meldet einen konkreten Bedarf, ein Bekannter eröffnet eine digitale Sammelaktion, Freunde teilen den Link und wenige Tage später wird die beschaffte Ausrüstung an die Einheit übergeben.

Eine Umfrage der Rating Group vom Juli 2025 zeigt, wie verbreitet diese Praxis ist. 31 Prozent der befragten Erwachsenen in den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten gaben an, die Streitkräfte ständig finanziell zu unterstützen. Weitere 39 Prozent tun dies von Zeit zu Zeit. Zusammen sind das 70 Prozent.

Eine Analyse des ukrainischen Magazins Arhiv beschreibt diese Spenden nicht nur als Wohltätigkeit, sondern als zusätzliche Ebene der Militärlogistik. Entscheidend ist die Struktur: Viele Kampagnen laufen über direkte Beziehungen zwischen Soldaten, Familien, Freiwilligen, Unternehmen und digitalen Gemeinschaften.

Diese Infrastruktur entstand lange vor der russischen Vollinvasion von 2022. Nach 2014 übernahmen ukrainische Freiwilligennetzwerke Aufgaben, die der Staat damals nicht schnell genug erfüllen konnte. Sie beschafften Schutzwesten, Medizin, Fahrzeuge, Funktechnik und andere Ausrüstung.

In den folgenden Jahren entstanden stabile Kontakte und reputationsbasierte Vertrauensketten. Spender wussten, welchen Organisatoren sie vertrauten. Freiwillige kannten Lieferanten und militärische Ansprechpartner. Unternehmen halfen bei Transport, Einkauf oder größeren Restbeträgen.

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von Ukraine-Analysen nennt Vertrauen, klare Ziele, dezentrale Koordination, digitale Zahlungen und öffentliche Rechenschaft als zentrale Faktoren für die Widerstandsfähigkeit dieses Crowdfunding-Systems.

Der Vergleich mit Russland ist methodisch schwieriger, als es einzelne Prozentwerte vermuten lassen. Das Levada-Zentrum berichtete 2025, dass rund 40 Prozent der Russen im vergangenen Jahr an Sammlungen von Geld oder Sachspenden für Kriegsteilnehmer beteiligt waren. Diese Frage fasst jedoch Geld und Güter zusammen und ist deshalb nicht direkt mit der ukrainischen Frage nach der Häufigkeit finanzieller Spenden vergleichbar.

Ein Unterschied zeigt sich eher in der erwarteten Rolle des Staates. Laut einer 2023 veröffentlichten Untersuchung der Higher School of Economics waren 87 Prozent der russischen Befragten der Meinung, dass in erster Linie der Staat für Versorgung und Unterstützung der Soldaten verantwortlich sei.

Auch in der Ukraine bleibt staatliche Beschaffung unverzichtbar. Dezentrale Netzwerke können Ressourcen ungleich verteilen: bekannte Einheiten oder prominente Freiwillige erreichen schneller ein großes Publikum als weniger sichtbare Verbände.

Der Vorteil der zivilen Netzwerke liegt deshalb nicht im Ersatz des Staates, sondern in ihrer Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit. Sie können auf sehr konkrete Bedarfe reagieren, kleine Stückzahlen beschaffen und neue Technologien schneller ausprobieren.

Damit ist in der Ukraine eine ungewöhnliche Verbindung aus Zivilgesellschaft, digitaler Infrastruktur und Verteidigungslogistik entstanden. Die nächste Herausforderung besteht darin, diese Flexibilität mit einer professionellen staatlichen Versorgung zu verbinden, ohne die gewachsenen Vertrauensstrukturen zu zerstören.

Greta Kaufmann

Autor

Gesellschaftsreporterin

Greta Kaufmann berichtet für Güldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.