Berlin steht nach einer tödlichen Todesfahrt am Rande des Christopher Street Day (CSD) unter Schock. Mindestens ein Mensch starb, zahlreiche weitere wurden verletzt, als ein Fahrzeug in eine Menschengruppe fuhr. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sprach von einem «Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft».
Die Tat ereignete sich am Samstag, während Hunderttausende Menschen an der jährlichen CSD-Demonstration in der Hauptstadt teilnahmen. Unter dem Motto «Haltung ist hot» zog der Umzug bei hochsommerlichem Wetter durch das Zentrum Berlins. Die Polizei war mit 2200 Einsatzkräften vor Ort, um die Veranstaltung zu sichern. Nach Angaben der Organisatoren handelt es sich um eine der größten Versammlungen für Vielfalt und Menschenrechte in Europa.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zeigte sich tief betroffen und nannte die Tat «abscheulich». Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) sicherte die Unterstützung des Bundes bei den Ermittlungen zu. Viele weitere Politiker meldeten sich zu Wort und drückten ihre Bestürzung aus. Die genauen Umstände der Todesfahrt waren zunächst unklar; die Ermittlungen wurden aufgenommen.
Wegner, der selbst auf einem Festwagen am CSD teilnahm, äußerte sich unmittelbar nach dem Vorfall. Die Stadt Berlin hatte erstmals einen eigenen Wagen für die Kundgebung organisiert, um ihre Solidarität mit der queeren Gemeinschaft zu zeigen. «Der CSD ist eine Veranstaltung, die Berlin als weltoffene Metropole präsentiert», sagte Wegner dem Tagesspiegel. Kritik an den Kosten für den Festwagen wies er zurück.
Der CSD erinnert jährlich an die Ereignisse vom 28. Juni 1969, als die Polizei die Schwulenbar Stonewall Inn in New York stürmte. Die darauffolgenden tagelangen Zusammenstöße gelten als Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung. In diesem Jahr stand die Kundgebung unter dem Motto «Haltung ist hot», das laut Organisatoren Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft einer weltoffenen Stadt in den Mittelpunkt stellen sollte. Die Kampagne verstehe sich als Antwort auf zunehmende Anfeindungen gegen queere Menschen.
Die Berliner Polizei hatte zuvor bereits am Bahnhof Potsdamer Platz 15 Personen einer mutmaßlich rechten Gruppierung überprüft, von denen eine einen verbotenen Gegenstand bei sich führte. Ob ein Zusammenhang mit der Todesfahrt besteht, war zunächst nicht bekannt. Die Behörden riefen die Bevölkerung zur Wachsamkeit auf, betonten aber, dass die Lage unter Kontrolle sei.
Der Vorfall überschattet die ansonsten friedliche Großveranstaltung, die nach Angaben von Polizei und Veranstaltern weitgehend störungsfrei verlief. Julia Miosga, Vorstandsmitglied des Berliner CSD e.V., bezeichnete die Demonstration als «Signal für eine offene Gesellschaft». Ziel sei, dass alle queeren Menschen sicher, sichtbar und frei leben könnten. Sie richtete zudem einen Appell an die künftige Berliner Landesregierung nach der Abgeordnetenhauswahl am 20. September.
Die Ermittlungen zu der Todesfahrt laufen auf Hochtouren. Die Polizei sucht nach Zeugen und möglichen Hintergründen der Tat. Der Schutz von Veranstaltungen dieser Größenordnung werde künftig noch einmal überprüft, hieß es aus Regierungskreisen. Die Gesellschaft sei in diesen schweren Stunden zusammengerückt.



