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Hochzeit ohne Kirche: Freie Trauredner werden immer gefragter

Immer mehr Paare in Deutschland entscheiden sich gegen eine kirchliche Trauung und wählen stattdessen freie Trauredner. Die Zahl der Hochzeiten insgesamt ist 2025 auf einen historischen Tiefstand gefallen.

Hochzeit ohne Kirche: Freie Trauredner werden immer gefragter
Hochzeiten mit neuen Ritualen: Veränderte Tradition: Hochzeit ohne Kirche, aber Trauredner

Immer weniger Hochzeitspaare in Deutschland entscheiden sich für eine kirchliche Trauung. Stattdessen treten freie Trauredner in den Vordergrund, die mit neuen Ritualen auch Patchwork-Familien zusammenführen. Die Zahl der Eheschließungen ist im vergangenen Jahr auf einen historischen Tiefstand gefallen: Laut Statistischem Bundesamt sagten 2025 rund 348.800 Paare „Ja“ – so wenige wie noch nie seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1950. Der bereits niedrige Wert aus dem Vorjahr wurde damit nochmals um 0,1 Prozent unterboten.

Agneta Wiedbrauk und Torben Floeter aus Lübeck gehören zu den Paaren, die bewusst auf eine kirchliche Zeremonie verzichtet haben. Stattdessen führte die freie Traurednerin Antje Blumenbach durch ihre ganztägige Feier im Schafstall in Amelinghausen in der Lüneburger Heide. Rund 150 Gäste waren geladen, darunter auch ehemalige Partner. Blumenbach bezog alle Anwesenden in ihre Rede mit ein: Die Gäste wurden gebeten aufzustehen und gefragt, ob sie dem Brautpaar auch in schwierigen Zeiten zur Seite stehen würden. „Das war ein ganz besonderer Moment“, erinnert sich das Paar. Die 39-jährige Anwältin schwärmt noch heute von dem Fest: „Antje hat alles rausgeholt, wir haben gelacht und geweint.“

Die Traurednerin sieht ihre Aufgabe darin, ein gemeinsames Wir zu schaffen. „Der Zusammenhalt der Gemeinschaft ist wichtig, wie ein Dorf für einen Tag“, sagt Blumenbach. Gerade bei Patchwork-Familien, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Empfindlichkeiten aufeinandertreffen, sei das eine besondere Herausforderung. „Moderne Hochzeiten erzählen nicht nur die Geschichte zweier Menschen, sie erzählen, wer heute füreinander Familie ist“, so die Lüneburgerin. Um die persönlichen Beziehungen richtig einzuschätzen, trifft sie die Paare mehrmals vor dem großen Tag. Bei einem Glas Wein erfahre man alle Geschichten, ob lustig oder peinlich.

Die Nachfrage nach freien Traurednern ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Johanna Salfner hat in Hamburg die Firma „Wertvolle Worte“ gegründet und begleitet seit 17 Jahren Hochzeitspaare und Trauernde. Zu Beginn ihres Engagements habe es in der Hansestadt acht Trauredner gegeben, berichtet die 51-Jährige. „Inzwischen sind es an die 300, das ist sehr unübersichtlich und die Qualität schwankend.“ Sie selbst begleitet 15 bis 20 Hochzeiten im Jahr, ihr Angebot kostet 2.400 Euro. Auch Stefan Ennen, Betreiber des Hotels Momento Heidkrug in Lüneburg, das Hochzeitszimmer und Feiern mit freien Trauungen anbietet, verzeichnet „sehr viele Anfragen“.

Blumenbach sieht in den neuen Ritualen auch eine Reaktion auf die politische Lage. „Die Sehnsucht, an etwas zu glauben, einen Halt zu suchen in unsicheren politischen Zeiten, ist groß“, sagt die Unternehmerin. In der Kirche sei es das Spirituelle gewesen, das man nun trotzdem suche. Passende Rituale seien wichtig, auch im Umgang mit Verstorbenen: Diese würden nicht mehr totgeschwiegen, manchmal würden Fotos aufgestellt oder ein Stuhl als Erinnerung freigelassen.

Auch bei Trauerfeiern gewinnt der freiere Rahmen an Bedeutung. Die Vorbereitung ähnele der bei einer Eheschließung, sei aber deutlich kurzfristiger, erklärt Salfner. Während sie für eine Hochzeit meist ein Jahr Zeit habe, seien es nach einem Todesfall nur zehn bis 14 Tage. „Eine Trauerfeier ist ein Ort, an den man gern zurückkehrt“, erzählt sie. Der gestorbene Mensch sei im besten Fall präsent und leuchte noch einmal auf. Auch Bestattungsunternehmen bieten solche Begleitungen inzwischen für etwa 250 Euro an.

Die Statistik zeigt zudem, dass im vergangenen Jahr etwas mehr Ehen geschieden wurden: Rund 130.100 Ehen endeten 2025 durch richterlichen Beschluss, das waren 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Langfristig ist die Zahl der Eheschließungen laut Statistischem Bundesamt rückläufig – im Vergleich zu 2003 beträgt der Rückgang 8,9 Prozent.

Helena Beckmann

Autor

Kulturkorrespondentin

Helena Beckmann berichtet für Güldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.