Hitze im Klassenzimmer: Verbände fordern landesweite Schutzstandards
Hohe Temperaturen in hessischen Schulen werden zum Bildungsproblem. Gewerkschaft und Schülerschaft fordern einheitliche Vorgaben, Sanierungsprogramme und mehr Begrünung. Eine Grundschule in Südhessen zeigt, wie moderne Lüftungstechnik den Unterricht auch bei Extremtemperaturen ermöglicht.
Wenn die Temperaturen in Klassenzimmern weit über 30 Grad Celsius steigen, wird aus dem persönlichen Unwohlsein ein ernsthaftes Bildungsproblem. Diese Einschätzung teilen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Landesschülervertretung in Hessen. Beide Organisationen beklagen, dass es bislang keine landesweit einheitlichen und verbindlichen Regelungen gibt, ab welchen Temperaturen welche Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssen.
Landesschulsprecher Laurenz Spies berichtet von eigenen Erfahrungen mit über 35 Grad in einem Klassenraum und verweist auf vergleichbare Schilderungen aus anderen Schulen. Bei hohen Temperaturen nähmen Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ab, gleichzeitig drohten gesundheitliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erschöpfung oder Kreislaufprobleme. Die derzeitigen Regelungen seien zu unverbindlich, so Spies. Er fordert einen landesweiten Hitzecheck aller Schulgebäude, ein dauerhaft finanziertes Sanierungsprogramm, besseren Sonnen- und Wärmeschutz, mehr Begrünung sowie kostenlose Trinkwasserspender an allen Schulen. Hitzefrei dürfe auf Dauer nur die Notbremse sein.
Der hessische GEW-Vorsitzende Thilo Hartmann kritisiert, dass es systematische Bestrebungen für einen besseren Hitzeschutz an den Schulen bislang nicht gegeben habe. Eine landesweite Richtlinie für den Schulbau, die bauliche Standards auch zum Hitzeschutz regele, existiere nicht. Die Investitionen der Schulträger in ihre Gebäude gingen extrem auseinander: Die Spanne reiche von gut 300 Euro pro Schüler und Jahr in der Stadt Kassel bis zu 1.500 Euro im Hochtaunuskreis. Bei den meisten Schulgebäuden bestehe Handlungsbedarf.
Wie eine Lösung aussehen kann, zeigt die Grundschule im Angelgarten in Groß-Zimmern im Kreis Darmstadt-Dieburg. Schulleiter Sebastian Albert setzt auf den im letzten Winter bezogenen Neubau. Jedes Klassenzimmer verfügt über ein eigenes Lüftungssystem mit einer kleinen Wärmepumpe, die im Winter heizt und im Sommer die Temperatur drückt. Mit der Anlage sei es kein Problem, auch bei 42 Grad Außentemperatur zu unterrichten, sagt Albert. Das Feedback der Lehrkräfte sei sehr positiv, es herrsche ein gutes Lernklima auch was die Temperaturen angehe. Hitzefrei ist für ihn kein Thema, da nicht alle Eltern der rund 220 Kinder erreichbar seien. Stattdessen wird der Unterricht bei großer Wärme auf schattige Grünflächen nach draußen verlegt.
Michael Lohn vom Da-Di-Werk des Kreises Darmstadt-Dieburg, das als Schulträger fungiert, erläutert das Prinzip: Es sei nicht die Absicht, die Temperaturen auf 20 Grad zu halten, sondern zum Start des Unterrichts angenehme Bedingungen zu schaffen. Die Lüftungssysteme seien autarke Anlagen, Klimaanlagen dagegen wartungsintensiv. Technischer Betriebsleiter Holger Gehbauer betont, dass die sommerlichen Temperaturen ganz oben auf der Agenda stünden. Sensoren erfassen die Sonneneinstrahlung und fahren die Jalousien automatisch herunter. Bei Neubauten würden vorhandene Schattenspender wie höhere Häuser oder Baumreihen berücksichtigt. Alle Schulen im Kreis, der 84 Schulen mit mehr als 600 Gebäuden umfasst, seien mit Trinkwasserspendern ausgestattet. Wie Hitzeschutz umgesetzt werde, sei bei jedem Gebäude eine neue Abwägung.
Das hessische Kultusministerium verweist auf Unterstützungsmöglichkeiten für Schulträger durch Land und Bund sowie auf die Beratung durch die Landesenergieagentur. Die jeweilige Schulleitung müsse entscheiden, wie mit Hitze umgegangen werde. Im Hitzeaktionsplan des Landes gebe es Empfehlungen wie Trinkpausen oder das Lüften der Klassenräume am kühleren Morgen. Zum Start ins neue Schuljahr wurde zudem eine Hotline beim hessischen Kompetenzzentrum Gesunde Schule geschaltet.
