In Erfurt herrscht am Samstag der Ausnahmezustand. Die thüringische Landeshauptstadt ist Schauplatz des Bundesparteitags der AfD, der auf dem Messegelände stattfindet. Zeitgleich haben zahlreiche Bündnisse und Organisationen zu Gegenprotesten aufgerufen. Über 30 Versammlungen sind angemeldet, die Polizei rechnet mit bis zu 50.000 Demonstranten. Die Stadt steht vor einem politisch aufgeladenen Wochenende, das von Blockaden, Sicherheitsmaßnahmen und einer angespannten, aber bislang überwiegend friedlichen Stimmung geprägt ist.
Bereits am frühen Morgen begannen Aktivisten des Bündnisses «Widersetzen» mit Blockaden. Eine erste größere Aktion bildete sich am Gothaer Platz, wo rund 1.000 Demonstranten die Straße besetzten und die Schienen der Straßenbahn blockierten. Die Teilnehmer skandierten Parolen und versuchten, die Zufahrten zum Parteitag zu behindern. Auch auf der Autobahn A71 kam es zu drei weiteren Blockaden. Die Polizei umstellte die Menge, griff aber zunächst nicht ein. Ein erstes Aufeinandertreffen zwischen Demonstranten und einem AfD-Politiker gab es am Gothaer Platz: Der Thüringer Landtagsabgeordnete Ringo Mühlmann versuchte, die Versammlung zu filmen, wurde jedoch von der Polizei von der Versammlung verwiesen.
Die Blockaden scheinen Wirkung zu zeigen. Selbst Teilnehmer der Proteste berichten von Schwierigkeiten, durchzukommen. Immer wieder wird aufgerufen, Platz für Busse mit weiteren Demonstranten und Rednern zu machen, da diese nicht vorankommen. Das Bündnis «Widersetzen» hatte in den vergangenen Wochen an unzähligen Haustüren geklingelt, um zu mobilisieren. Über 200 Busse aus dem gesamten Bundesgebiet sollen bis zum Vormittag eintreffen, um weitere Unterstützer zu bringen. Zu den prominenten Teilnehmern zählen die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und die Schauspielerin Katja Riemann. Das Bündnis versichert, von ihnen gehe keine Eskalation aus.
Die Polizei rechnet jedoch auch mit gewaltbereiten Linksextremisten. Nach Einschätzung der Behörden könnten bis zu 2.500 Personen aus dem linksextremen Spektrum anreisen, die bereit sind, Gewalt anzuwenden. Es gibt Aufrufe, Erfurt «ins Chaos» zu stürzen und die Masse anzugreifen. Aus Sorge vor gewalttätigen Angriffen empfiehlt die Bundeswehr ihren Soldaten, an diesem Tag keine Uniform zu tragen. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) warnte vor Gewalt und Blockaden. Versuche, den Parteitag zu verhindern, seien rechtswidrig, sagte Maier der Deutschen Presse-Agentur. Das Thüringer Landesverwaltungsamt hatte Versammlungen auf wichtigen Zufahrtsstraßen und Autobahnabschnitten zunächst untersagt, das Verbot wurde jedoch am Abend vor dem Parteitag gekippt. «Widersetzen» hatte bereits angekündigt, sich ohnehin nicht daran zu halten.
Der Hauptprotest findet auf dem Parkplatz der Messehalle statt. Mehrere Demonstrationszüge führen durch ganz Erfurt dorthin. Geplant sind Reden von Luisa Neubauer, den Politikern Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Bodo Ramelow (Linke) sowie Umweltminister Carsten Schneider (SPD) und zahlreichen Initiativen. Auch Musiker wie Bosse treten auf. Bereits am Freitag gab es erste Versammlungen gegen den AfD-Parteitag, die friedlich verliefen. Lediglich drei Drohnen wurden sichergestellt. Die Polizei zeigte bereits am Freitag Präsenz in der Stadt, uniformierte Beamte waren allgegenwärtig. Die Stimmung war entspannt, einzelne Straßen waren gesperrt, jedoch ohne große Beeinträchtigungen des Verkehrs. Im Fokus stand zunächst ein anderes Ereignis: Der Schlagersänger Roland Kaiser trat vor 15.000 Menschen auf dem Domplatz auf. Am Samstag folgt an gleicher Stelle der Thüringer Sänger Clueso. Es ist ein ereignisreiches Wochenende in Erfurt.
Die Polizei begleitet die Delegierten der AfD mit Blaulicht zum Tagungsort. Die Sicherheitskräfte sind mit einem Großaufgebot im Einsatz, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und mögliche Eskalationen zu verhindern. Die Stadt ist in mehrere Sicherheitszonen eingeteilt, die von Beamten überwacht werden. Die Lage bleibt angespannt, aber die Behörden zeigen sich zuversichtlich, dass die Proteste weitgehend friedlich verlaufen. Die Ereignisse in Erfurt sind ein weiteres Beispiel für die zunehmende Polarisierung in der deutschen Gesellschaft, die sich in solchen Großveranstaltungen entlädt.



