Nach den Angriffen auf russische Raffinerien hat die Ukraine ihr Zielspektrum erweitert: Inzwischen konzentrieren sich die Drohnenangriffe auf die Logistik des Online-Riesen Wildberries. In der Nacht zuletzt trafen ukrainische Drohnen zwei riesige Lagerhäuser des Unternehmens in Pensa und Sarapul. In Pensa brannte ein Depot mit rund 180.000 Quadratmetern Fläche, in Sarapul ein 50.000 Quadratmeter großes Lager. Augenzeugen filmten kilometerhohe Rauchwolken. Bereits einen Tag zuvor hatte ein Angriff ein Lagerhaus in Rjasan in Flammen gesetzt.
Damit haben ukrainische Truppen innerhalb von zwei Wochen 13 Logistikzentren von Wildberries angegriffen. Mindestens zehn davon sind teilweise oder vollständig ausgebrannt. Nach Berechnungen des unabhängigen Wirtschaftsportals «The Bell» vernichteten die Brände allein Lagerräume im Wert von umgerechnet 400 Millionen Euro. Die zerstörten Waren hatten demnach einen Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro. Insgesamt sind mehr als eine Million Quadratmeter Lagerfläche betroffen – etwa 20 Prozent der gesamten Lagerfläche des Unternehmens. Die russische Flugabwehr erwies sich dabei erneut als weitgehend hilflos.
Für Wildberries sind die Angriffe eine existenzielle Bedrohung. Das Unternehmen, das oft als russisches Pendant zu Amazon bezeichnet wird, hatte zuletzt massiv expandiert – mit Hilfe von Krediten wurden Lagerflächen im Eiltempo ausgebaut, eine Online-Bank und ein Reisebüro gegründet. Diese Wachstumsstrategie könnte sich nun als Bumerang erweisen. 2025 erzielte Wildberries einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro bei einem Gewinn von knapp zwei Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent Ozon kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn. Etwa die Hälfte des gesamten russischen E-Commerce läuft über Wildberries.
Die Ukraine begründet die Angriffe offiziell damit, dass auf der Plattform auch Rüstungsgüter gehandelt würden, darunter FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten. Unabhängige Beobachter zweifeln diese Version jedoch an. Der Journalist Wladislaw Gorin vom Exilmedium «Meduza» verglich die Argumentation mit Moskaus Rechtfertigung für Angriffe auf ukrainische Kraftwerke. Tatsächlich ist der Anteil militärischer Güter bei Wildberries gering. Stattdessen steht ein wirtschaftliches Kalkül im Vordergrund: Mit relativ geringem Aufwand kann die Ukraine der russischen Wirtschaft massiven Schaden zufügen.
Besonders betroffen sind kleine und Kleinstunternehmer. Bis zu 400.000 Russen verkaufen über Wildberries und erleiden nun enorme Verluste, die der Konzern nur zu einem Bruchteil ersetzt. In sozialen Netzwerken häufen sich Klagen. Diese Unzufriedenheit kommt für Kiew kurz vor der Duma-Wahl gelegen – ein Druckmittel auf die russische Gesellschaft. Allerdings hat der Kreml über Medien, Zensur und Sicherheitskräfte ausreichend Mittel, um Unmut zu unterdrücken oder zu kanalisieren. Zudem könnte Putin die Angriffe als Vorwand für eine weitere Eskalation des Krieges nutzen.
Eine weitere Theorie verweist auf die Eigentümerstruktur von Wildberries. Nach einem erbitterten Scheidungskrieg zwischen den Gründern Tatjana Kim und Wladislaw Bakaltschuk im Jahr 2024, bei dem es sogar zu einer Schießerei mit zwei Toten kam, fusionierte Kim das Unternehmen mit der Werbeagentur Russ. Dafür war die Zustimmung des Kremls nötig. Seither sollen hochrangige Putin-Vertraute wie Anton Waino und Alexej Gromow an Wildberries beteiligt sein. Offiziell gibt es keine Bestätigung, doch der Kreml zeigt auffälliges Wohlwollen: Statt auf Schadenersatz für betroffene Händler zu drängen, wird über eine Staatsbank-Hilfe für Wildberries nachgedacht, um einen Bankrott zu vermeiden. Die russische Zeitung «Nesawissimaja Gaseta» berichtet unterdessen von Überlegungen, die Lagerhäuser künftig durch die Zivilverteidigung schützen zu lassen.



