Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei einem Treffen mit Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew angekündigt, Deutschland werde künftig mehr Gas aus dem Kaukasus-Staat importieren. Die Ankündigung erfolgte im Rahmen eines Besuchs von Alijew in Berlin, bei dem die beiden Politiker über eine Ausweitung der Energiekooperation berieten. Derzeit stammt nur ein Bruchteil des deutschen Gasverbrauchs aus Aserbaidschan, doch Merz signalisierte Bereitschaft, diese Menge deutlich zu steigern.
Die Gespräche zwischen Merz und Alijew sind Teil einer strategischen Neuausrichtung der deutschen Energiepolitik. Nach dem Wegfall russischer Lieferungen sucht die Bundesregierung nach alternativen Bezugsquellen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Aserbaidschan, das über bedeutende Gasreserven verfügt, gilt dabei als potenziell wichtiger Partner. Die bestehende Infrastruktur, darunter die Transanatolische Pipeline (TANAP) und die Transadriatische Pipeline (TAP), ermöglicht bereits den Transport aserbaidschanischen Gases nach Europa.
Alijew bestätigte bei dem Treffen überraschend auch ein separates Treffen deutscher und russischer Politiker in Baku, das in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt hatte. Die sogenannte „Baku-Connection“ – ein informelles Netzwerk deutscher und russischer Abgeordneter sowie Wirtschaftsvertreter – hatte sich in der aserbaidschanischen Hauptstadt getroffen, um über mögliche Wege zur Wiederbelebung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen zu beraten. Alijew äußerte sich nicht im Detail zu den Inhalten, bestätigte jedoch die Existenz und den Zweck des Treffens.
Die Ankündigung höherer Gasimporte aus Aserbaidschan ist wirtschaftlich und politisch bedeutsam. Für Deutschland geht es darum, die Abhängigkeit von einzelnen Energielieferanten zu reduzieren und das Portfolio an Bezugsquellen zu diversifizieren. Aserbaidschan wiederum kann seine Rolle als Energielieferant für Europa ausbauen und langfristige Abnahmeverträge sichern. Die genauen Mengen und Zeitpläne für die erhöhten Importe wurden bei dem Treffen in Berlin nicht öffentlich genannt, beide Seiten betonten jedoch den Willen zur vertieften Zusammenarbeit.
Kritiker warnen allerdings vor einer zu starken Fokussierung auf Aserbaidschan. Das autoritär regierte Land steht immer wieder wegen Menschenrechtsverletzungen und mangelnder Pressefreiheit in der Kritik. Zudem ist die Region um Bergkarabach weiterhin ein Konfliktherd. Die Bundesregierung betont jedoch, dass die Energiepartnerschaft nicht bedeute, politische Bedenken auszublenden. Vielmehr solle der Dialog mit Baku auch genutzt werden, um auf Reformen und eine friedliche Konfliktlösung hinzuwirken.
Die deutsche Wirtschaft begrüßt die Pläne grundsätzlich. Insbesondere die Industrie, die unter den hohen Energiepreisen der vergangenen Jahre gelitten hat, hofft auf zusätzliche und möglichst kostengünstige Gaslieferungen. Allerdings ist unklar, ob Aserbaidschan kurzfristig überhaupt ausreichende Exportkapazitäten aufbauen kann, um die deutsche Nachfrage in größerem Umfang zu bedienen. Die bestehenden Pipelines sind bereits weitgehend ausgelastet, und neue Projekte benötigen Jahre der Planung und Umsetzung.
Das Treffen zwischen Merz und Alijew ist ein weiterer Schritt in der Neuausrichtung der deutschen Außen- und Energiepolitik. Während die Bundesregierung gleichzeitig den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreibt, bleibt Erdgas als Brückentechnologie vorerst unverzichtbar. Die Frage, aus welchen Quellen dieses Gas stammt, wird damit zu einer zentralen strategischen Entscheidung. Die Ankündigung höherer Importe aus Aserbaidschan ist ein klares Signal, dass Deutschland bereit ist, neue Wege zu gehen – auch wenn diese politisch nicht unumstritten sind.



