Die Ukraine hat nach eigenen Angaben innerhalb von 48 Stunden dreizehn Energieanlagen in russisch besetzten Gebieten außer Betrieb gesetzt. Wie der Kommandeur der Streitkräfte für unbemannte Systeme (USF), Robert „Magyar“ Browdi, mitteilte, wurden zwölf Umspannwerke und eine Gasverteilungsstation getroffen. Zehn der lahmgelegten Kraftwerke befanden sich auf der Krim, die weiteren in den besetzten Gebieten Donezk, Luhansk und Saporischschja.

Die Operation ist Teil einer ukrainischen Kampagne, die darauf abzielt, die Halbinsel Krim vom russischen Festland zu isolieren. Durch die gezielten Angriffe auf die Energieinfrastruktur sollen wichtige militärische Nachschubwege unterbrochen werden. Übergeordnetes Ziel ist es, Russland zum Kriegsende zu zwingen. Browdi wurde von der ukrainischen Nachrichtenwebsite „Kyiv Independent“ mit den Worten zitiert: „Was für eine mondhelle, sternenklare Nacht … Moskau wird fallen.“

Der ukrainische Vorstoß erfolgt vor dem Hintergrund eines der schwersten russischen Angriffe auf Kiew seit Kriegsbeginn. Am Donnerstag hatte Russland in den frühen Morgenstunden Hunderte Drohnen und Dutzende Raketen auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert. Dabei wurden rund 130 Gebäude beschädigt. Die Zahl der Todesopfer stieg nach Angaben des ukrainischen Katastrophenschutzes auf mindestens 30. Mehr als 90 Menschen wurden verletzt. Der Leiter der Kiewer Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, erklärte, dass Rettungskräfte weiterhin in den Trümmern nach Vermissten suchten, weshalb die Opferzahl noch steigen könnte. Es war der folgenschwerste Angriff auf die ukrainische Hauptstadt in diesem Jahr.

Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisierte die westlichen Partner scharf für nicht eingehaltene Lieferzusagen. So habe es mit Norwegen ein Abkommen über die Lieferung von 200 Abwehrraketen gegeben. „Nicht eine ist bisher angekommen“, sagte Selenskyj. Er betonte, dass eine rechtzeitige Lieferung der versprochenen Waffen mehr Häuser und Menschenleben hätte retten können. „Hätten unsere Partner das, was sie versprochen hatten, rechtzeitig geliefert, hätten wir meiner Meinung nach mehr Häuser und – ich sage es ganz offen – auch Menschenleben retten können“, so der Präsident. Selenskyj drängt zudem auf eine eigene Produktionsstätte für Patriotraketen in der Ukraine, um die Verteidigungsfähigkeit des Landes langfristig zu stärken.

Russland reagiert unterdessen auf die ukrainischen Angriffe auf seine Energieinfrastruktur mit einer Lockerung der Kraftstoffstandards. Ein am 2. Juli veröffentlichter Regierungserlass des Kremls erlaubt Ölraffinerien im ganzen Land, Kraftstoffprodukte herzustellen, die den weniger strengen Euro-3-Normen entsprechen. Die Entscheidung fällt vor dem Hintergrund einer zunehmenden Kraftstoffknappheit in Russland, die durch ukrainische Drohnenangriffe auf die Ölinfrastruktur verursacht wurde. Der von Ministerpräsident Michail Mischustin unterzeichnete Erlass erlaubt bestimmten Raffinerien, bis zum Jahresende Euro-3-Benzin zu produzieren. Die Maßnahme soll die Kraftstoffversorgung stabilisieren und „eine Destabilisierung des heimischen Marktes für Kraftstoffe verhindern“. Euro-3-Benzin weist einen höheren Schwefelgehalt auf als der derzeitige russische Standard Euro-5, was zu erhöhten Sicherheitsrisiken und einer stärkeren Umweltbelastung führt.

Die Kämpfe in der Ukraine dauern derweil an. Bei nächtlichen russischen Angriffen auf die Grenzregion Sumy wurden zwei Menschen getötet und eine Person verletzt, als russische Drohnen ein Privathaus trafen. In der zentralukrainischen Stadt Krywyj Rih wurden bei einem Raketenangriff auf ein dicht bebautes Stadtgebiet sieben Menschen verletzt. In der Region Dnipropetrowsk kamen bei verschiedenen russischen Angriffen zwei Menschen ums Leben, neun weitere wurden verletzt. In Saporischschja wurden sieben Menschen bei einem Drohnenangriff verletzt, darunter vier Minderjährige im Alter von 6 bis 16 Jahren. In Kiew gilt unterdessen ein Trauertag für die Opfer des schweren russischen Angriffs.

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