Russland hat in der Nacht zum Mittwoch eine außergewöhnlich heftige Angriffswelle mit Kampfdrohnen, Raketen und Marschflugkörpern gegen mehrere ukrainische Städte geflogen. In der Hauptstadt Kiew wurden nach Behördenangaben mindestens acht Menschen getötet und 34 weitere verletzt. Mehrstöckige Gebäude, darunter ein Hotel, seien in Flammen aufgegangen, Wohnhäuser wurden komplett zerstört, berichtete das Nachrichtenportal «The Kyiv Independent». Die Angreifer setzten demnach Dutzende Raketen und Marschflugkörper ein.

Bereits am frühen Morgen wurde erneut Luftalarm in Kiew ausgelöst. Knapp ein Dutzend russische Bomber seien in der Luft gewesen, hieß es. Kurz darauf meldeten Reporter «unglaublich laute Explosionen», die selbst in tief unter der Erde gelegenen Luftschutzbunkern deutlich zu hören gewesen seien. Verängstigte Bewohner suchten in U-Bahn-Stationen Zuflucht, viele von ihnen schlugen dort Zelte auf, um die Nacht geschützt unter der Erde zu verbringen. Das genaue Ausmaß der Schäden war zunächst nicht überschaubar, die ersten Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Im Bericht des «Kyiv Independent» war von einer der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn die Rede.

Auch in anderen Städten der Ukraine gab es Luftalarm und Explosionen. Betroffen waren unter anderem Saporischschja und Pawlohrad im Südosten sowie Sumy und Charkiw im Nordosten des Landes. Bei einem russischen Raketenschlag im südukrainischen Gebiet Odessa wurden mindestens zwei Menschen getötet und 13 weitere verletzt, wie Militärgouverneur Oleh Kiper mitteilte. Informationen zu möglichen Schäden und Opfern in den anderen Städten lagen zunächst nicht vor.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte noch am Mittwoch vor einem weiteren massiven russischen Großangriff. «Heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs», sagte Selenskyj bei einer Pressekonferenz in Dublin am Rande der Zeremonie zur Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Irland. Alle ein bis zwei Wochen führe Russland massive Angriffe mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen verschiedener Art aus, so der ukrainische Staatschef. Er kündigte an, direkt nach der Pressekonferenz rasch in die Ukraine zurückzukehren, und rief die Bevölkerung auf, Alarmsignale zu beachten und Schutzräume aufzusuchen. Bereits zuvor hatten der Bürgermeister der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk und der Gouverneur des Gebiets Cherson vor einem möglichen größeren russischen Angriff für die Nacht zum Mittwoch gewarnt.

Selenskyj nutzte seinen Aufenthalt in Irland zudem für scharfe Kritik an Geschäftsmöglichkeiten russischer Oligarchen in Europa. Es gebe Firmen in europäischen Ländern, «deren einziger Zweck es ist, für Russland zu arbeiten», sagte er. Diese seien im Besitz oder praktisch unter der Kontrolle sanktionierter russischer Oligarchen. «Sie versorgen den Aggressor weiterhin mit essenziellen Materialien, sogar jetzt», so Selenskyj weiter. Er rief die EU dazu auf, die Sanktionen gegen Russland entsprechend zu erweitern.

In Irland hatte zuletzt der Export von Aluminiumoxid im Wert von 308 Millionen Dollar nach Russland für Debatten gesorgt. Das Rohmaterial dient zur Herstellung von Aluminium, ist aber auch für die Rüstungsproduktion von großer Bedeutung. Die Aluminiumraffinerie Aughinish – laut Medienberichten Europas größte – in der irischen Grafschaft Limerick war deswegen in die Schlagzeilen geraten. Sie gehört dem russischen Aluminiumkonzern Rusal, dessen Mehrheitsaktionär der sanktionierte Russe Oleg Deripaska ist. Der irische Regierungschef Micheál Martin betonte, sein Land wolle «nicht in einer Position sein, in der Material aus einer Fabrik in Irland die russische Kriegsmaschinerie unterstützt». Eine entsprechende Untersuchung stehe kurz vor dem Abschluss. Man werde dann mit der EU-Kommission über das weitere Vorgehen beraten, so Martin.

Unterdessen hat die ukrainische Regierung am Mittwoch einen Mechanismus für den Export eigener Waffen gebilligt. «Die Regierung hat den ersten transparenten Mechanismus für den Export ukrainischer Waffen beschlossen», erklärte Verteidigungsminister Mychailo Fedorow. Andere Länder könnten «ukrainische Waffen und Technologien kaufen und direkt mit ukrainischen Herstellern zusammenarbeiten», fügte er hinzu. Der Schritt ist Teil der Bemühungen Kiews, die eigene Rüstungsindustrie zu stärken und gleichzeitig die Abhängigkeit von westlichen Waffenlieferungen zu verringern.

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Sportredakteur

Florian Lorenz berichtet für Guldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.