Wenn England und Argentinien im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft aufeinandertreffen, geht es um weit mehr als nur um den Einzug ins Finale. Die Begegnung der beiden Fußballgroßmächte ist von einer der intensivsten Rivalitäten der Sportgeschichte geprägt, die tief in politischen Konflikten, kriegerischen Auseinandersetzungen und unvergesslichen WM-Momenten verwurzelt ist. Von der umstrittenen Roten Karte für Antonio Rattín im Jahr 1966 über den Falklandkrieg 1982 bis hin zu Diego Maradonas legendärer Hand Gottes und David Beckhams Platzverweis – die Geschichte dieses Duells ist gespickt mit Emotionen und Kontroversen.

Der Ursprung der Rivalität reicht bis ins WM-Viertelfinale von 1966 zurück. Damals wurde der argentinische Kapitän Antonio Rattín vom deutschen Schiedsrichter des Feldes verwiesen, angeblich wegen Beleidigung, obwohl beide kaum dieselbe Sprache sprachen. Rattín weigerte sich zunächst, den Platz zu verlassen, und setzte sich demonstrativ auf den roten Teppich neben dem Spielfeld. Der englische Trainer Alf Ramsey bezeichnete die Argentinier nach dem Spiel als „Tiere“ und verbot seinen Spielern den Trikottausch. Viele Fans sehen in diesem Vorfall den Beginn der tiefen Feindschaft zwischen den beiden Nationen.

Der Falklandkrieg im Jahr 1982 eskalierte die Rivalität auf eine völlig neue Ebene. Nachdem eine argentinische Militärjunta die Falklandinseln besetzt hatte, entsandte das Vereinigte Königreich unter Premierministerin Margaret Thatcher eine Militärintervention, um das britische Überseegebiet zurückzugewinnen. Der rund zehn Wochen dauernde Konflikt forderte etwa 900 Menschenleben und endete mit der Kapitulation Argentiniens. Während der Sieg Thatchers Position festigte, beschleunigte die Niederlage den Zusammenbruch der argentinischen Militärdiktatur. Die Falklandinseln blieben ein sensibles politisches Thema; erst im November 2020 konnten alle verbliebenen Anti-Personen-Minenfelder im Rahmen eines internationalen Projekts beseitigt werden.

Vier Jahre nach dem Krieg trafen beide Nationen bei der WM in Mexiko wieder aufeinander. Obwohl die Spieler betonten, dass Fußball und Krieg nicht gleichgesetzt werden dürften, wurde die Begegnung in beiden Ländern als weit mehr als ein Sportereignis wahrgenommen. Besonders in Argentinien erhielt das Spiel eine enorme symbolische Bedeutung. In der 51. Minute schrieb Diego Maradona Fußballgeschichte, als er den Ball mit der linken Faust ins Tor beförderte – ein Treffer, den der Schiedsrichter anerkannte. Maradona erklärte später lächelnd, das Tor sei „ein bisschen mit dem Kopf Maradonas und ein bisschen mit der Hand Gottes“ erzielt worden. Nur vier Minuten später gelang ihm ein regelkonformes Dribbling, bei dem er fünf englische Spieler und Torwart Peter Shilton umkurvte – ein Tor, das die Fifa später zum „Tor des Jahrhunderts“ wählte. Argentinien gewann 2:1 und wurde wenige Tage später Weltmeister.

Zwölf Jahre später, im WM-Achtelfinale 1998 in Frankreich, schrieb David Beckham das nächste Kapitel der Rivalität. Nach einem Foul und einer leichten Provokation von Diego Simeone trat Beckham im Liegen leicht nach dem Argentinier. Simeone fiel zu Boden, und der dänische Schiedsrichter zeigte Beckham die Rote Karte. England schied im Elfmeterschießen aus, und Beckham wurde von der Boulevardpresse zum Sündenbock erklärt. Drohungen tauchten vor seinem Haus auf, und er wurde bei jedem Ballkontakt in seinem Heimatland ausgepfiffen. Bei der WM 2002 rehabilitierte er sich ausgerechnet gegen Argentinien, als er den entscheidenden Elfmeter zum 1:0 verwandelte.

Das anstehende WM-Halbfinale 2026 wird von Spielern bestritten, die weder den Falklandkrieg noch Maradona oder teilweise nicht einmal David Beckham live miterlebt haben. Dennoch wird die emotionsgeladene Geschichte dieser Rivalität auch bei dieser Begegnung mitschwingen. Kaum eine andere Paarung vereint so viele ikonische WM-Momente wie dieses Duell. Das Halbfinale wird das nächste Kapitel einer Geschichte schreiben, die seit sechs Jahrzehnten immer wieder neue Wendungen nimmt – sei es durch Messis Genie oder Kanes Durchsetzungsvermögen.