Das Verhältnis der Deutschen zu den Vereinigten Staaten ist seit jeher von einer tiefen Ambivalenz geprägt. Für viele war Amerika über Jahrzehnte hinweg das Sinnbild für Freiheit, Modernität und Zukunft. Doch spätestens mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt. Die USA erscheinen heute vielen nicht mehr als leuchtendes Vorbild der Demokratie, sondern als ein Land, das zunehmend autokratische Züge annimmt. Gleichzeitig bleibt die kulturelle Anziehungskraft der Supermacht ungebrochen, was die Deutschen in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Bewunderung und Ablehnung zurücklässt.

Der Amerikanist Michael Butter von der Universität Tübingen beschreibt dieses Phänomen als das Nebeneinander von zwei Amerikas. Auf der einen Seite stehe das reale, unvollkommene Amerika, in dem Diskriminierung, Rassismus und soziale Ungleichheit nie überwunden worden seien. Auf der anderen Seite existiere die Idee von Amerika als einem Land, das nicht auf Abstammung, sondern auf gemeinsamen Werten gründe. Diese Dualität führe dazu, dass die Deutschen je nach Perspektive immer nur das eine oder das andere Amerika in den Fokus nähmen.

Der Historiker Volker Depkat, bekannt durch seinen Podcast «Amerika verstehen», sieht eine ähnliche Entwicklung. Die Amerika-Bilder der Deutschen bewegten sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Traum und Albtraum. Lange Zeit seien die USA das Sinnbild für Modernität gewesen – politisch als liberale Demokratie, wirtschaftlich als kapitalistischer Industriestaat. Während progressiv denkende Deutsche in Amerika in vielerlei Hinsicht das große Vorbild sahen, lehnten konservative Kräfte die von Amerika repräsentierte Modernität ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Westdeutsche direkt mit Amerikanern in Kontakt. Rosinenbomber, Care-Pakete und die Marshall-Hilfe ließen den ehemaligen Feind in erstaunlich kurzer Zeit zur bewunderten Schutzmacht werden. Der «American Way of Life» stand für Freiheit, Modernität und Zukunft. Namen wie New York, Kalifornien und Hollywood hatten einen magischen Klang. Gleichzeitig kämpften westdeutsche Bildungsbürger noch lange gegen angeblich jugendgefährdende Tanzstile und gewaltverherrlichende Comics. «Amerika, das Land ohne Kultur – das war damals immer noch ein viel gehörter Vorwurf», erläutert Depkat. Es sei dann Teil der Liberalisierung der Bundesrepublik gewesen, dass sich eine wachsende Zahl von Deutschen im Westen verankerte und die amerikanische Popkultur zu ihrer eigenen machte.

In der DDR war Amerika unterdessen der imperialistische Klassenfeind – auch wenn viele davon träumten, nach ihrer Verrentung mit eigenen Augen die Rocky Mountains und den Wolkenkratzerwald von Manhattan zu sehen. Unter ihnen war die junge Angela Merkel. Mit John F. Kennedy und seinem «Ich bin ein Berliner» erreichte die Amerika-Begeisterung ihren Höhepunkt. Die schwarze Limousine mit dem zusammengesackten Körper des Präsidenten, Jackie Kennedy im blutbespritzten rosa Kostüm und der kleine John Junior beim Salutieren auf dem Nationalfriedhof Arlington – das sind Bilder, die auch heute noch Millionen ältere Deutsche für immer abgespeichert haben. Kurz darauf fiel dann der Schatten von Vietnam auf das strahlende Bild, in den 70er Jahren gefolgt vom Watergate-Skandal.

Seitdem schwankte die deutsche Sicht auf Amerika stets zwischen Bewunderung und Ablehnung, und das oft sehr stark. Unter dem konservativen republikanischen Präsidenten George W. Bush kam es zu einer deutlichen Abkühlung. Aber dann zog der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama binnen kürzester Zeit so große Sympathien auf sich, dass ihn im Sommer 2008, noch vor seiner Wahl, mehr als 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule feierten. In Obama habe sich das deutsche Idealbild von Amerika scheinbar erneuert, meint Depkat. Die Deutschen hätten immer eigene Hoffnungen von Freiheit und Demokratie auf die USA projiziert, die nur selten etwas mit den Realitäten dort zu tun hatten. Amerika-Kritik sei in diesem Zusammenhang oft enttäuschte Liebe: Warum ist Amerika nicht so, wie wir es gerne hätten?

Es sei zum Teil auch die Enttäuschung des demokratischen Musterschülers, der plötzlich erkenne, dass sein bewunderter Lehrer auch Schwächen habe. «Dann schlägt Verklärung schnell in Ablehnung um. Beides hat etwas Maßloses», so Depkat. Ein ähnlicher Effekt wie bei Obama war auch nach der Wahl von Joe Biden zu beobachten, als viele Deutsche auf eine Rückkehr zu den alten Idealen hofften. Doch die zweite Amtszeit von Donald Trump hat diese Hoffnungen jäh zerstört und das Verhältnis zwischen den beiden Ländern auf eine harte Probe gestellt.

Autor

Gesellschaftsreporterin

Greta Kaufmann berichtet für Guldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.