Ulrich Siegmund: Der AfD-Spitzenkandidat, der wie ein Popstar gefeiert wird
Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt die erste AfD-Regierung in Deutschland anführen. Der 35-Jährige begeistert Anhänger mit Schlagworten und Social-Media-Präsenz, bleibt aber bei konkreten Inhalten oft vage. Kritik an Potsdamer Treffen und Vetternwirtschaft weicht er aus.
Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wird von seinen Anhängern gefeiert wie ein Popstar. Wo immer der 35-Jährige im Wahlkampf auftritt, bilden sich lange Schlangen von Menschen, die ein Foto mit ihm machen wollen. Siegmund umarmt, lächelt und findet nette Worte – während andere Politiker in Deutschland oft wütend beschimpft werden, gibt er seinen Anhängern mit einfachen Mitteln ein gutes Gefühl. Konkrete politische Inhalte spielen dabei selten eine Rolle, und wenn Kritiker nachfragen, bleibt er Antworten oft schuldig.
Der Mann, der nach der Wahl am 6. September die erste AfD-Regierung in Deutschland anführen will, verdankt seine Popularität zum einen der Corona-Pandemie. Als das öffentliche Leben stillstand, baute Siegmund seine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken kontinuierlich aus und sammelte mit seiner Kritik an den Eindämmungsmaßnahmen mehrere Hunderttausend Follower. Zum anderen ist er rhetorisch versiert: Im Parlament kann er hart gegen die politische Konkurrenz austeilen, im nächsten Moment einer Seniorengruppe ein Kompliment machen. Seine Worte wählt er stets bewusst.
An Infoständen und bei Bürgerdialogen bestärkt Siegmund seine Anhänger vor allem in dem Gefühl, dass man die Migrationspolitik, die Energiepolitik oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit „gesundem Menschenverstand“ nur schlecht finden könne. Bei Simson-Ausfahrten entstehen dazu stimmungsvolle Videos, die das Wir-Gefühl stärken sollen. In den Umfragen liegt die AfD in Sachsen-Anhalt weit vor der CDU.
Der gebürtige Tangermünder, der heute mit seiner Frau Julia und einer kleinen Tochter in der Kleinstadt im Landkreis Stendal lebt, hat einen ungewöhnlichen Lebensweg. Als junger Erwachsener war er kurzzeitig CDU-Mitglied, wechselte dann aber zur AfD. Nach der 11. Klasse verließ er die Schule, machte eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann und studierte später Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaftslehre an einer Hamburger Fernhochschule. Anschließend verkaufte er Raumdüfte – was ihm den Spott des CDU-Politikers Philipp Amthor einbrachte, der ihn als „Duftkerzenverkäufer“ bezeichnete.
Seit 2016 sitzt Siegmund im Landtag von Sachsen-Anhalt, seit August 2022 führt er die Fraktion gemeinsam mit Oliver Kirchner als Co-Vorsitzender. Im November 2023 geriet er erstmals stärker unter Druck, als bekannt wurde, dass er an einem Treffen in Potsdam teilgenommen hatte, bei dem der frühere Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung, Martin Sellner, über „Remigration“ gesprochen hatte. Der Landtag berief Siegmund daraufhin als Vorsitzenden des Sozialausschusses ab.
Auch in der sogenannten Vetternwirtschaftsaffäre der AfD war Siegmund involviert. Sein Vater soll als Mitarbeiter im Bundestagsbüro eines AfD-Parteikollegen zeitweise mehr als 7.500 Euro monatlich erhalten haben. Die Kritik an dieser und anderen Überkreuzbeschäftigungen versuchte Siegmund mit dem Hinweis zu entkräften, man setze auf Menschen, denen man vertrauen könne.
Weder das Potsdamer Treffen noch die Vetternwirtschaftsaffäre spielen im aktuellen Wahlkampf eine größere Rolle. Auch die Einstufung der AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch durch den Verfassungsschutz scheint viele Wähler nicht zu interessieren. Siegmund stellt die Behörde als politische Institution dar, die angeblich die Opposition gängele.
Im Parlament spricht der Fraktionschef besonders gern über die Folgen der Migration. Drei seiner vier Großeltern gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Vertriebenen aus dem Osten – für ihn waren das „wirkliche Flüchtlinge“. In seiner Freizeit geht Siegmund, der aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, ins Fitnessstudio. Früher las er Bücher von Wilhelm Busch und betrieb das sogenannte Sondeln – die Suche nach Gegenständen mit einem Metalldetektor.
Siegmund gibt sich oft moderater, als es das Programm seiner Partei vermuten lässt. „Es gibt keinen Grund für einen rechtschaffenden Bürger, Angst zu haben. Hier rollt doch nicht der Bulldozer durchs Land und macht alles nieder“, sagte er mit Blick auf seine angestrebte Alleinregierung. In Diskussionsrunden lädt er Widersacher gern zu einem Kaffee ein. Doch von extremen Stimmen in der eigenen Partei distanziert er sich nicht. Unliebsame Fragen lässt er unbeantwortet, Kritik lächelt er weg – und im Zweifel produziert er lieber ein Video bei TikTok.
