Nach dem Massenansturm Tausender Migranten auf die spanische Exklave Ceuta hat Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni harte Konsequenzen gefordert. Ihre Regierung verlangt, Spanien vorübergehend aus dem Schengen-Raum auszuschließen. Die italienische Regierungschefin sprach von «schockierenden Bildern» und kündigte an, Italien werde «nicht tatenlos zusehen». Hintergrund ist eine seit Tagen andauernde Fluchtbewegung an der EU-Außengrenze im Norden Afrikas.
Innerhalb weniger Tage erreichten mindestens 1.500 Menschen die spanische Enklave, viele von ihnen schwammen vom Nachbarland Marokko aus durch das Meer. Andere kamen mit Autos oder zu Fuß. Nach Angaben der Behörden ertranken mindestens neun Menschen bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren. Die «New York Times» berichtete unter Berufung auf einen spanischen Regierungssprecher sogar von mindestens 18 Toten.
Auslöser des Andrangs war offenbar ein Gerücht über eine geöffnete Grenze am Übergang Bab Sebta. Ein junger Mann sagte der Nachrichtenagentur AFP, er sei aus dem 70 Kilometer entfernten Tanger zu Fuß nach Ceuta gekommen, nachdem er von der vermeintlichen Öffnung gehört hatte. Von der marokkanischen Stadt Fnideq aus rollten den Angaben zufolge Fahrzeuge voller junger Menschen in Richtung der Exklave; andere waren in Gruppen unterwegs oder nannten Ceuta als Ziel.
Die Bilder aus Ceuta, das nur knapp 85.000 Einwohner zählt, zeigen überwiegend junge Männer, aber auch Familien mit Frauen und Kindern, die über Felsblöcke klettern und den künstlichen Damm überwinden, der die Grenze zu Marokko sichern soll. Nach Angaben des staatlichen Fernsehsenders RTVE sind viele Minderjährige und Kinder unter den Ankommenden. Manche laufen jubelnd über die Straßen und rufen «Viva España!». Am Strand liegen Kleidungsstücke, Schwimmringe, Flossen und Neoprenanzüge zurück; Hunderte erschöpfte Migranten liegen im Sand. Viele der Flüchtenden können nach Angaben von Medien kaum oder gar nicht schwimmen; für sie ist der Weg durch das Meer lebensgefährlich.
Die örtlichen Behörden sind seit Tagen in Alarmbereitschaft. Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas erklärte, die Aufnahmeeinrichtungen seien völlig überlastet; viele Menschen müssten auf den Straßen übernachten. Die Regionalregierung forderte von der Zentralregierung in Madrid die Ausrufung des nationalen Notstands und den Einsatz des spanischen Militärs an der Grenze zu Marokko. Die Zentralregierung will jedoch keinen Notstand ausrufen. Ministerpräsident Pedro Sánchez ordnete stattdessen an, 120 Armeeangehörige zur Unterstützung der Grenzbeamten einzusetzen. Am Donnerstagabend hielt der Andrang unvermindert an; aus Madrid hieß es, Sánchez werde die Exklave am Freitag besuchen.
Meloni forderte am Donnerstagabend auf der Plattform X «außergewöhnliche Maßnahmen». «Die Bilder aus Ceuta sind schockierend», schrieb sie. Man sei dabei, die zuständigen Stellen zusammenzubringen; sobald diese Treffen abgeschlossen seien, sei Italien bereit zu handeln – «auch durch außergewöhnliche Maßnahmen wie etwa das Aussetzen des Schengen-Abkommens mit Spanien». Auch Außenminister Antonio Tajani sprach sich dafür aus, den Schengen-Raum für Spanien zu schließen. Er begründete die Forderung mit der «irregulären und unkontrollierten Einwanderung», die eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstelle.
In Spanien wächst der Druck auf Ministerpräsident Sánchez. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei sprach von einer «verzweifelten Situation». Auf X kritisierte er den Sozialisten mit scharfen Worten: Die Regierung dürfe nicht wegsehen, denn das Land befinde sich in einer «Krise der nationalen Sicherheit». Sánchez hatte zuvor lediglich mitgeteilt, man setze «alle Hebel in Bewegung», um die Lage in Ceuta zu beherrschen.
Die Ereignisse erinnern an die Migrationskrise im Mai 2021, als mehr als 8.000 Menschen nach Ceuta gelangten. Der Vorsitzende des Berufsverbands der Beamten der spanischen Guardia Civil in Ceuta, Rachid Sbihi, beschrieb die aktuelle Situation als «das reinste Chaos». Die Behörden hätten den Überblick verloren, genaue Zahlen seien kaum zu nennen. Nach Angaben von Ceutas Regionalpräsident Vivas wurden allein in den vergangenen zwölf Monaten rund 60 Leichen aus dem Wasser geborgen. Unterdessen dauern die Rettungs- und Registrierungsarbeiten an.



