Die britische Politik und Öffentlichkeit trauern um Ann Widdecombe. Die 78-jährige Ex-Ministerin und prominente Brexit-Befürworterin wurde am Donnerstag tot in ihrem Haus in Haytor in der Grafschaft Devon aufgefunden. Wie die Polizei von Devon und Cornwall am Freitag mitteilte, wies die Leiche schwerste Verletzungen auf. Die Beamten leiteten umgehend Mordermittlungen ein und nahmen noch am Freitag einen 26-jährigen Mann fest. Ein terroristischer Hintergrund oder eine politische Motivation der Tat werde nach derzeitigem Ermittlungsstand ausgeschlossen, erklärte Police Assistant Chief Constable Matt Longman auf einer Pressekonferenz. Die genauen Umstände des Verbrechens seien noch unklar, die Ermittlungen liefen auf Hochtouren.
Widdecombe war über Jahrzehnte eine feste Größe in der britischen Politik. Von 1987 bis 2010 saß sie für die konservativen Tories im Unterhaus und bekleidete unter Premierminister John Major verschiedene nachgeordnete Ministerämter. Nach dem EU-Referendum 2016 wechselte sie zur Brexit-Partei des Rechtspopulisten Nigel Farage, die später in Reform UK umbenannt wurde. Für diese Partei gehörte sie von 2019 bis 2020 dem Europäischen Parlament an und fungierte zuletzt als migrationspolitische Sprecherin. Ihre politische Haltung war von streng konservativen Positionen geprägt: Sie lehnte Abtreibungen ab, sprach sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aus, forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe und kritisierte die Selbstbestimmung von Transpersonen. Zudem war sie von der anglikanischen zur römisch-katholischen Kirche konvertiert.
Über die Politik hinaus war Widdecombe auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt. Sie trat unter anderem in der Tanzshow „Strictly Come Dancing“ und bei „Celebrity Big Brother“ auf, was ihr zusätzliche Popularität verschaffte. Ihr Tod löste in der britischen Politiklandschaft große Bestürzung aus. Innenministerin Shabana Mahmood bezeichnete die Umstände als „äußerst erschütternd“ und sicherte den Ermittlungsbehörden jede erforderliche Unterstützung zu. Premierminister Keir Starmer zeigte sich nach Angaben der Nachrichtenagentur PA tief betroffen und sprach von einer „sehr schockierenden Nachricht“. Der frühere konservative Premierminister Boris Johnson würdigte Widdecombe als „heldenhafte Brexit-Befürworterin“.
Die Polizei von Devon und Cornwall rief die Bevölkerung dazu auf, Spekulationen über die Hintergründe der Tat zu unterlassen. Man setze alle verfügbaren Mittel ein, um die genauen Todesumstände aufzuklären, betonte Assistant Chief Constable Longman. Der festgenommene 26-jährige Brite werde derzeit vernommen. Ein Motiv für die Gewalttat ist bislang nicht bekannt. Die Ermittler schließen jedoch sowohl einen terroristischen als auch einen politisch motivierten Hintergrund aus. Der Fall erinnert an zwei frühere Morde an britischen Parlamentsabgeordneten: Die Labour-Politikerin Jo Cox wurde 2016 während des Brexit-Wahlkampfs von einem rechtsextremen Einzeltäter getötet, der konservative Abgeordnete David Amess 2021 von einem Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) erstochen. Im vorliegenden Fall gehen die Behörden jedoch von einem anderen Tathintergrund aus.



