Norwegen beschlagnahmt russisches Forschungsschiff auf Spitzbergen
Norwegische Behörden haben im Hafen von Barentsburg das russische Forschungsschiff «Professor Moltschanow» festgesetzt. Hintergrund ist ein Schiedsspruch des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz über 4,22 Milliarden US-Dollar. Moskau reagiert mit scharfer Rhetorik, will aber Berufung einlegen. Der Arktis-Experte Arild Moe ordnet den Vorfall ein und erklärt, warum Spitzbergen trotzdem ein Brennpunkt bleibt.
Norwegische Behörden haben im Hafen der russisch verwalteten Bergbausiedlung Barentsburg auf Spitzbergen das Forschungsschiff «Professor Moltschanow» festgesetzt. Die Maßnahme geht auf einen Schiedsspruch zurück, den der ukrainische Energiekonzern Naftogaz in Norwegen gegen Russland wegen Kriegsschäden über 4,22 Milliarden US-Dollar erwirkt hatte. Der Gouverneur der norwegischen Inselgruppe setzte die Beschlagnahmung durch. Bis auf Weiteres bleibt das Schiff in norwegischen Gewässern.
Die Reaktion aus Moskau ließ nicht lange auf sich warten. Außenminister Sergej Lawrow bezichtigte Norwegen der «Piraterie», Präsident Wladimir Putin sprach mit Blick auf das Vorgehen europäischer Staaten gegen Schiffe der russischen Schattenflotte sogar von «Staatsterrorismus». Allerdings kündigte Russland an, gegen die Gerichtsentscheidung Berufung einzulegen. Der Arktis-Forscher Arild Moe vom Fridtjof-Nansen-Institut in Oslo wertet den Vorfall daher als «keine sehr dramatische Episode». Im Kern handele es sich um eine formale Beschlagnahmeerklärung.
Moe, der seit 1983 zur russischen Arktis forscht und 2025 die bislang genaueste Untersuchung der russischen Präsenz auf Spitzbergen vorlegte, kennt die «Professor Moltschanow» aus eigener Erfahrung. Er ist mehrfach mit dem Schiff gefahren. Die drei unterschiedlichen Darstellungen russischer Ministerien zur Funktion des Schiffs – Versorgung der Bergarbeiter, Transport von Kunst, Wetterdatenerhebung – hält er für irrelevant. Entscheidend sei allein, dass der Gouverneur ein russisches Staatsschiff festgesetzt habe.
Die «Professor Moltschanow» war das einzige Schiff auf der visafreien Route zwischen dem russischen Murmansk und Barentsburg. Einen dauerhaften Verlust dieser Verbindung sieht Moe jedoch nicht. Russland verfüge über viele Schiffe und könne jedes davon auf der Route einsetzen. Ein Großteil der Waren für Barentsburg komme ohnehin per Schiff vom norwegischen Festland. Der Passagier- und Touristenverkehr auf dieser Strecke bestehe erst seit diesem Jahr.
Die Entwicklung ist Teil einer angespannten Lage in der Arktis. Norwegen hat die Anreise per Flugzeug nach Spitzbergen für Russen erschwert; wer von Russland aus auf dem Luftweg einreisen will, benötigt ein norwegisches Visum, das Oslo nicht ohne Weiteres erteilt. Anfang des Jahres begann die Nato zudem die Mission «Arctic Sentry», um wichtige Schifffahrtsrouten freizuhalten. Lawrow bezeichnete die gestiegene Nato-Präsenz als «neue Front gegen Russland».
Auf die Frage, ob sich Moskau bedroht fühle, antwortet Moe differenziert. Auf der Halbinsel Kola befinden sich wichtige russische Militäranlagen, darunter Nuklearwaffen, deren Schutz ein dauerhaftes Anliegen Moskaus sei. Eine höhere Nato-Präsenz in der Arktis sei deshalb ein Alarmsignal. Zugleich habe Russland seine Landstreitkräfte auf Kola drastisch reduziert, weil der Kreml Truppen in die Ukraine beordert habe. Die verbleibende Zahl der Soldaten für die Landverteidigung sei niedrig. Das zeige, dass Russland keinen unmittelbaren Angriff gegen sich befürchte.
Für die Menschen auf Spitzbergen hat sich die Atmosphäre seit dem russischen Angriff auf die Ukraine dennoch verändert. Der Austausch zwischen Longyearbyen und dem russisch dominierten Barentsburg ist seit 2022 deutlich zurückgegangen, war allerdings schon vor dem Krieg nicht besonders groß. Touristen bemerken nach Moes Einschätzung nicht zwingend eine Veränderung der Sicherheitslage. Die Inselgruppe ist eine demilitarisierte Zone, doch Russland beansprucht das zu Norwegen gehörende Archipel für sich. Ob der aktuelle Vorfall zu einem größeren bilateralen Zwischenfall wird, hängt laut Moe davon ab, wie Moskau damit umgeht. Derzeit scheine Russland den friedlichen Weg zu wählen.
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