Der Videostreaming-Marktführer Netflix setzt zunehmend auf Künstliche Intelligenz, um Produktionskosten zu senken und Szenen zu realisieren, die bisher aus Zeit- oder Budgetgründen nicht umsetzbar waren. Wie Co-Chef Ted Sarandos vor Analysten erklärte, sei KI allein in diesem Jahr bereits in rund 300 Titeln zum Einsatz gekommen. So würden etwa Menschenmengen oder Szenen historischer Schlachten mit Hilfe der Technologie erzeugt. Sarandos betonte jedoch, dass KI lediglich ein Werkzeug in der Hand kreativer Menschen sei: «Filme werden von Leuten gemacht, die Filme machen.» Ohne Künstliche Intelligenz wären viele dieser Fragmente aus Kostengründen gar nicht erst gedreht worden, argumentierte er.
Die Ankündigung fällt in eine Zeit, in der Netflix an der Börse unter Druck geraten ist. Der Streaming-Primus veröffentlichte seine Quartalszahlen begleitet von Zweifeln der Anleger an der Fähigkeit des Unternehmens, seine Kunden langfristig zu binden. Der Aktienkurs fiel im nachbörslichen US-Handel um rund neun Prozent. Ein Grund dafür war, dass die Umsatzprognose für das laufende Quartal die durchschnittlichen Analystenerwartungen verfehlte. Bereits in den vergangenen Monaten hatte die Netflix-Aktie mehr als 40 Prozent ihres Werts verloren.
Ein weiterer Auslöser für die Skepsis der Anleger waren Marktforscherdaten, die den Eindruck erweckten, dass die Zuschauerzahlen ab der zweiten Staffel selbst populärer Netflix-Serien sinken. Sarandos entgegnete, dass die Rückgänge zwischen der ersten und der zweiten Staffel im Vergleich zum Vorjahr sogar geringer ausgefallen seien. Zudem kündigte Netflix an, künftig nur noch einmal pro Jahr Angaben zur Popularität seiner Filme und Serien zu veröffentlichen, statt wie bisher zweimal jährlich. Das Management betont, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Zahl der Sehstunden und den Erlösen gebe. So zögen Live-Übertragungen überdurchschnittlich viele Neukunden an, obwohl sie insgesamt nicht so viele Zuschauer hätten wie andere Programme, erklärte Co-Chef Greg Peters.
Der Kampf um die Übernahme des Hollywood-Urgesteins Warner Brothers, den Netflix gegen den Rivalen Paramount verlor, wurde von einigen Anlegern als Flucht nach vorn gewertet. Netflix hatte im Februar eine Vertragsstrafe von 2,8 Milliarden Dollar an Warner gezahlt, nachdem die bereits vereinbarte Übernahme aufgelöst worden war. Dies ließ im vergangenen Quartal die Steuerzahlungen des Streaming-Marktführers etwas steigen. Trotz der Herausforderungen konnte Netflix den Umsatz im vergangenen Quartal im Jahresvergleich um 13 Prozent auf 12,56 Milliarden Dollar (10,98 Milliarden Euro) steigern. Unter dem Strich wuchs der Gewinn um 8,8 Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar. Netflix macht keine regelmäßigen Angaben zur Kundenzahl mehr, setzt aber weiterhin auf Innovationen wie den KI-Einsatz, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Die Entscheidung, KI verstärkt in der Produktion einzusetzen, könnte langfristig die Film- und Serienlandschaft verändern. Während traditionelle Studios oft auf teure Massenszenen verzichten müssen, eröffnet die Technologie neue kreative Möglichkeiten. Kritiker warnen jedoch vor einem möglichen Verlust an Authentizität und Arbeitsplätzen. Netflix selbst sieht KI als Ergänzung, nicht als Ersatz für menschliche Kreativität. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Strategie aufgeht und das Vertrauen der Anleger zurückgewonnen werden kann.



