Bundeskanzler Friedrich Merz will die Nachfolge des zurückgetretenen Unionsfraktionschefs Jens Spahn noch im Juli klären. Wie aus dem Umfeld des CDU-Vorsitzenden verlautete, werden derzeit mehrere Optionen abgewogen. Der Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag wird traditionell von den beiden Parteichefs von CDU und CSU vorgeschlagen, sodass Merz gemeinsam mit CSU-Chef Markus Söder eine Entscheidung treffen muss.
Spahn hatte am Samstag seinen Rücktritt erklärt. In einem Schreiben an die Fraktion begründete der 46-jährige CDU-Politiker den Schritt mit dem Wunsch, sich künftig stärker auf seine Familie konzentrieren zu wollen. «Eines ist mir in den letzten Tagen immer klarer geworden: Meine Familie ist mir das Wichtigste», hieß es in dem Brief. Der Rücktritt erfolgte nach wachsendem Druck aus den eigenen Reihen, ausgelöst durch eine private Entscheidung mit weitreichenden politischen Konsequenzen.
Hintergrund des Rücktritts ist die Entscheidung Spahns und seines Mannes Daniel Funke, mit Hilfe einer Leihmutter in den USA Eltern zu werden. In Deutschland ist Leihmutterschaft gesetzlich verboten. Die CDU spricht sich klar gegen eine Legalisierung aus. Kritiker warfen Spahn vor, er nutze privat Möglichkeiten, die er Menschen in ähnlicher Situation in Deutschland politisch nicht zugestanden habe. Spahn selbst hatte sich in der Vergangenheit ebenfalls gegen eine Legalisierung von Leihmutterschaft ausgesprochen.
Der CDU-Landeschef von Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, begrüßte den Rücktritt ausdrücklich. «Ich bin erleichtert. Der Wechsel an der Fraktionsspitze ist ein unausweichlicher Schritt», teilte Peters mit. Er dankte Spahn zugleich für dessen Arbeit. Peters hatte zuvor öffentlich den Rücktritt des Fraktionschefs gefordert und erklärt, Spahn sei als Vorsitzender der Unionsfraktion nicht mehr tragbar.
Spahns politischer Absturz kommt auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Erst im Mai 2025 war er mit einem Wahlergebnis von 91,3 Prozent zum Fraktionsvorsitzenden gewählt worden. In den 14 Monaten seiner Amtszeit hatte er mehrere schwere Krisen überstanden. Dazu gehörte die gescheiterte Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht im Juli 2025, die Spahn angelastet wurde, weil er den Widerstand in der eigenen Fraktion nicht rechtzeitig erkannt hatte. Er bezeichnete diesen Tag als einen der «heftigsten» seiner politischen Laufbahn.
Auch die Affäre um Maskenkäufe aus seiner Zeit als Gesundheitsminister verfolgte Spahn bis in die laufende Legislaturperiode. Die wohl größte Herausforderung meisterte er im Herbst, als die Junge Union gegen das Rentengesetz von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas rebellierte. Spahn gelang es, die notwendigen Stimmen zu organisieren, indem er sich jedes einzelne der jungen Mitglieder vornahm. Medienberichten zufolge soll er dabei sogar mit dem Entzug von Listenplätzen gedroht haben.
Spahn hatte sich nach schwierigem Start als Fraktionschef etabliert und galt neben Bundeskanzler Merz und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt als mächtigster Mann der Union. In der Reformphase der schwarz-roten Koalition profilierte er sich als geräuschloser Strippenzieher. Beobachter hatten ihm sogar Ambitionen auf das Kanzleramt zugetraut. Nun stürzt er über eine private Entscheidung, die ihm politisch zum Verhängnis wurde.
Die Nachfolge soll nun zügig geregelt werden. Merz will die Personalie noch vor Ende des Monats abschließen. Als mögliche Kandidaten für die Nachfolge gelten mehrere erfahrene Unionspolitiker, konkrete Namen wurden aus dem Umfeld des Kanzlers jedoch nicht genannt. Die Fraktion wird voraussichtlich noch in dieser Woche zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um über das weitere Vorgehen zu beraten.



