Der Bundesparteitag der AfD in Erfurt ist am Sonntag nach einem zweiten Tag mit Satzungs- und Finanzdebatten zu Ende gegangen. Die Veranstaltung stand im Schatten massiver Proteste, an denen nach Angaben des Bündnisses „Widersetzen“ rund 50.000 Menschen teilnahmen. Die Polizei zählte bis zum Samstagnachmittag etwa 31.000 Demonstranten. Die Proteste blieben nach Behördenangaben weitgehend friedlich, es gab jedoch vereinzelte gewaltsame Auseinandersetzungen und Übergriffe auf Journalisten.
Die AfD-Delegierten befassten sich am zweiten Tag vor allem mit Änderungen an der Bundessatzung sowie der Finanz- und Beitragsordnung. Dabei ging es unter anderem um die Gestaltung von Aufnahmegesprächen für neue Mitglieder, Mitgliedsbeiträge und die Durchführung von Parteitagen. Die wesentlichen inhaltlichen Entscheidungen waren bereits am Samstag gefallen. Größere Kontroversen blieben aus, da die Partei ihren Fokus auf die anstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschlands nach dem Sommer legt. Die AfD hofft auf eine erste Regierungsbeteiligung und bemühte sich um ein geschlossenes Auftreten.
Co-Parteichefin Alice Weidel äußerte am Samstagabend im parteieigenen „AfD-TV“ die Erwartung, dass eine mögliche Regierungsbeteiligung etwa in Sachsen-Anhalt „schlagartig zu einer Normalisierung unserer Partei führen“ würde. Der Parteitag bestätigte das Spitzenduo Weidel und Tino Chrupalla für die kommenden zwei Jahre im Amt. Weidel erhielt ein leicht verbessertes Ergebnis, Chrupalla ein schlechteres als vor zwei Jahren. Ein Antrag zur Änderung der sogenannten Unvereinbarkeitsliste, den unter anderem Thüringens Landeschef Björn Höcke unterstützt hatte, wurde auf Vorschlag Weidels zurückgezogen. Der neue Parteivorstand soll die Liste überarbeiten. Diese Liste legt fest, dass Mitglieder bestimmter extremistischer Organisationen nicht der AfD angehören dürfen.
Die Polizei war in Erfurt und Umgebung mit Tausenden Kräften aus fast allen Bundesländern im Einsatz, unterstützt von der Bundespolizei, die unter anderem Wasserwerfer bereitstellte. Viele AfD-Delegierte reisten am Samstagmorgen in von der Polizei eskortierten Bussen an, sodass sie ohne größere Schwierigkeiten zum Messegelände gelangen konnten. Der Parteitag begann pünktlich um 10.00 Uhr. AfD-Chef Tino Chrupalla eröffnete die Veranstaltung mit Spott: „Der frühe Vogel fängt den Wurm (...) die Randalierer von der Antifa haben ihr eigenes Störmanöver verschlafen.“
Bei den Protesten kam es zu mehreren Zwischenfällen. Die Polizei setzte vereinzelt Pfefferspray und körperliche Gewalt ein, wenn Demonstranten versuchten, Absperrungen zu durchbrechen oder Beamte bedrängten. Bei einer Blockade der Autobahn A 71 bei Erfurt durch Aktivisten gab es einen Schlagstockeinsatz. Die Vorfälle vom Samstag würden noch analysiert, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. Insgesamt seien die Demonstrationen jedoch weitgehend friedlich verlaufen, bekräftigte der Sprecher.
Besondere Aufmerksamkeit erregten Angriffe auf Medienschaffende. Die Polizei teilte mit, es sei während des Einsatzes zu Übergriffen gekommen, „insbesondere auf Livestreamer“. Zwei Streamer seien aus einer Gruppe von Demonstranten heraus verfolgt und angegriffen worden. Ein dritter Journalist sei bei einer Kundgebung vor dem Tagungsort bedrängt, aber nicht verletzt worden. Die Polizei berichtete zudem von einem Fall, bei dem zwei Journalisten durch Flaschenwürfe aus einer Versammlung heraus verletzt worden seien. Einer von ihnen musste mit einem Krankenwagen zur weiteren Behandlung gebracht werden. Das Portal „Apollo News“ berichtete, eines seiner Reporterteams sei attackiert worden; einem Mitarbeiter sei gegen den Hinterkopf getreten worden. Die Polizei nahm Ermittlungen auf und kündigte an, Angriffe auf Journalisten konsequent zu verfolgen.
Das Protestbündnis „Widersetzen“ zog eine positive Bilanz und sprach von den größten Blockaden, die es je organisiert habe. Die Stadt Erfurt äußerte sich am Nachmittag zu dem Großeinsatz. Die genauen Teilnehmerzahlen blieben umstritten: Während das Bündnis von rund 50.000 Beteiligten ausging, darunter 17.000 bei Blockaden, zählte die Polizei bis zum Samstagnachmittag rund 31.000 Menschen. Die Behörden betonten, dass die Protestaktionen insgesamt weitgehend friedlich verliefen, auch wenn es vereinzelt zu Gewalt kam.



