25 Jahre nach 9/11: Studie bilanziert geschwächte USA und fast eine Million Tote
Fast eine Million Tote, Millionen Vertriebene und tiefes Misstrauen in die Regierung: Eine Bilanz zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September zeigt die langfristigen Folgen des „Kriegs gegen den Terror“ für die USA und die Welt.
Fast 3.000 Menschen starben bei den Terroranschlägen am 11. September 2001. Doch das Sterben endete nicht mit dem Einsturz der Türme des World Trade Centers. Mehr als zwei Jahrzehnte später ziehen Historiker und Politikwissenschaftler eine ernüchternde Bilanz: Der als Reaktion auf die Anschläge gestartete „Krieg gegen den Terror“ hat die USA geschwächt, weltweit fast eine Million Menschenleben gefordert und das Vertrauen der Amerikaner in ihre Regierung nachhaltig zerstört.
Die direkten Folgen der Anschläge sind bis heute spürbar. Mehr als ein Drittel der fast 3.000 Todesopfer vom 11. September 2001 ist bis heute nicht identifiziert. Rund 9.000 weitere Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten an Erkrankungen gestorben, die auf den giftigen Staub der einstürzenden Wolkenkratzer zurückgeführt werden. Der Terrorakt, der sich am Donnerstag zum 25. Mal jährt, traf Amerika ins Herz und erschütterte die Nation in ihrem Selbstverständnis.
Die Antwort der US-Regierung unter Präsident George W. Bush war ein Feldzug, der jedes Maß verlor. Die Opferzahlen der daraus resultierenden Kriege sind monströs: 176.000 Tote in Afghanistan, 67.000 in Pakistan, bis zu 315.000 im Irak, 266.000 im syrischen Kriegsgebiet und 112.000 im Jemen. Insgesamt forderte der Krieg gegen den Terror fast eine Million Todesopfer, mehr als 432.000 von ihnen waren Zivilisten. Rund 38 Millionen Menschen wurden vertrieben, die Kosten der Schlachten werden auf acht Billionen Dollar geschätzt.
Besonders der Irakkrieg von 2003 gilt heute als historischer Wendepunkt. Die behaupteten Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden, Verbindungen zwischen dem irakischen Diktator Saddam Hussein und den Attentätern von 9/11 ebenfalls nicht. Statt Ruhm und Ehre kehrten Zinksärge mit Gefallenen in die USA zurück. Die Bilder von Folter und Misshandlung irakischer Gefangener im Gefängnis Abu Ghuraib im Jahr 2003 beschädigten das Ansehen der USA weltweit nachhaltig. Die Misshandlungen waren kein Betriebsunfall, sondern entsprangen der amerikanischen Politik der damaligen Zeit.
Der Preis dieser gewalttätigen Jahre bemaß sich nicht nur in Leichen und Dollars. Der Westen richtete seine Geheimdienste, sein Denken und seine Haushalte auf einen einzigen Gegner aus und übersah dabei, dass im Finanzsystem eine gewaltige Blase wuchs. Die US-Notenbank hatte den Leitzins nach den Anschlägen auf ein Prozent gesenkt und dort belassen. Sechs Jahre nach 9/11 platzte der Immobilienmarkt. Verlorene Häuser, verlorene Renten und verlorenes Vertrauen stürzten Amerika in eine kollektive Depression, Banken schlitterten in die Pleite und ganze Staaten taumelten Richtung Staatsbankrott.
Die politischen Folgen sind bis in die Gegenwart spürbar. Die Kränkung durch die als Lüge empfundene Kriegsbegründung ist nie verheilt. Das Misstrauen gegen die Elite in Washington steigerte sich zur kalten Wut. Bereits ein Jahr nach der Irak-Invasion hielten 42 Prozent der Bevölkerung den Krieg für einen Fehler. Fünf Jahre später glaubte erstmals eine Mehrheit, die Regierung habe sie bewusst getäuscht. Wenige republikanische Politiker besaßen das Rückgrat, das Desaster einzugestehen. Einer von ihnen war Donald Trump, der 2016 vor Wählern in South Carolina sagte, der Irakkrieg sei ein Fehler gewesen und Bush habe gelogen. Er gewann die Vorwahl und wenig später die Präsidentschaft.
Die Radikalisierung der amerikanischen Politik hat viele Väter. Einer von ihnen ist der Irakkrieg: Politiker, die ihr Volk mit Lügen in einen Krieg schickten und die Folter durch ihre Soldaten verharmlosten, haben das Misstrauen gesät, aus dem heutige Demagogen ihre Kraft schöpfen. Die Lehre dieses brutalen Vierteljahrhunderts ist, dass ein Krieg gegen den Terror, der die eigenen Prinzipien opfert, am Ende nicht nur die Gegner, sondern vor allem die eigene Nation schwächt.
