Adipositas bei Kindern: Abnehmspritzen als Ergänzung zur Therapie
Bei extremem Übergewicht im Kindesalter stoßen klassische Therapien oft an Grenzen. GLP-1-Medikamente können den Hunger bremsen, doch Langzeitfolgen sind unklar und die Kosten tragen meist die Familien.
Bei einigen Kindern und Jugendlichen mit extremem Übergewicht führen die üblichen Therapieansätze nicht zum Erfolg. Für sie können GLP-1-Medikamente wie Semaglutid oder Liraglutid eine Option sein, um den Hunger zu bremsen. Darauf weist die Kinder- und Jugendmedizinerin Susann Weihrauch-Blüher hin. Allerdings sind die Langzeitfolgen dieser Wirkstoffe bislang nicht ausreichend erforscht.
In Deutschland leben laut Daten der KiGGS-Studie schätzungsweise zwei Millionen Kinder und Jugendliche mit Übergewicht, darunter rund 800.000 mit der chronischen Krankheit Adipositas und etwa 200.000 mit extremer Adipositas. Die Erhebung stammt aus den Jahren 2015 bis 2017. Untersuchungen während der Corona-Pandemie deuteten auf eine Zunahme hin, aktuell beobachtet Weihrauch-Blüher eine Stabilisierung auf hohem Niveau.
Für Minderjährige mit Adipositas sind zwei GLP-1-Medikamente zugelassen. Semaglutid wird einmal wöchentlich injiziert und kann ab zwölf Jahren eingesetzt werden. Liraglutid wird täglich verabreicht und ist unter bestimmten Voraussetzungen ab sechs Jahren zugelassen. Die neue Abnehmtablette ist für Kinder bisher nicht zugelassen. «Eine medikamentöse Therapie kann ab dem zugelassenen Mindestalter in Betracht gezogen werden, jedoch nur als Ergänzung zu einer leitliniengerechten Lebensstilintervention», betont Weihrauch-Blüher. Die ärztliche Leitlinie wurde entsprechend neu aufgelegt. Demnach sollte die medikamentöse Therapie bei Minderjährigen mit extremer Adipositas erwogen werden, und zwar in spezialisierten Zentren unter klar definierten Kriterien.
Die Wirkstoffe aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten signalisieren dem Gehirn, dass gegessen wurde, wodurch ein Sättigungsgefühl entsteht. Außerdem bleibt die Nahrung länger im Magen, was das Sättigungsgefühl verlängert. Die Patienten essen insgesamt weniger und nehmen dadurch ab. Nach bisherigem Kenntnisstand ähneln die Nebenwirkungen bei Minderjährigen denen bei Erwachsenen. Möglich sind Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Völlegefühl, Appetitlosigkeit und Durchfall. Für abschließende Aussagen über langfristige Risiken sei es jedoch noch zu früh, sagt die Adipositas-Expertin. Die Wirkstoffklasse existiert erst seit rund zwei Jahrzehnten und wurde zunächst nur zur Behandlung von Diabetes Typ 2 eingesetzt. Langfristige Nebenwirkungen konnten daher bisher nicht erforscht werden. Bei Kindern und Jugendlichen sei dies besonders relevant, weil sich ihr Körper noch entwickle, das Längenwachstum oft nicht abgeschlossen sei und die Pubertät andauern könne.
Die Kosten für Abnehmmittel müssen in der Regel die Familien selbst tragen. In Deutschland gelten sie als Lifestyle-Arzneimittel und sind keine Leistung der Krankenkasse. Derzeit müssten Familien mit rund 200 Euro pro Monat rechnen, sagt Weihrauch-Blüher, Professorin bei der Universitätsmedizin Halle. Anders ist es bei Menschen mit Typ-2-Diabetes: Für sie wird die Behandlung mit Semaglutid unter dem Produktnamen Ozempic von den Krankenkassen übernommen. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft empfiehlt eine Kostenübernahme für Jugendliche mit extremer Adipositas, wenn bisherige Therapien nicht geholfen haben und eine weitere Gewichtszunahme zu erwarten ist.
Offen ist bislang, wie lange Jugendliche die Abnehmspritze nehmen müssen. Von Erwachsenen ist bekannt, dass es nach dem Absetzen des Medikaments oft zu einer erneuten Gewichtszunahme kommt. «Idealerweise sollten diese Kinder in Studien eingeschlossen und auch langzeitbetreut werden, um mögliche Risiken, die wir heute vielleicht noch gar nicht so genau kennen, identifizieren zu können», sagt Frank Jochum, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau.
Adipositas ist als chronische Erkrankung anerkannt, wird von Laien jedoch oft als Willensschwäche verharmlost. Sie entsteht multifaktoriell aus genetischen, psychosozialen, familiären und Umweltfaktoren. Die genauen Zusammenhänge bei einer Erkrankung im Kindesalter sind nicht geklärt. Eine Rolle spielt laut Weihrauch-Blüher zum Beispiel, welche Geschmacksvorlieben im ersten Lebensjahr geprägt werden, also etwa, ob ein Baby süße Getränke und Breis erhält. Auch hormonelle Regelkreise, die Hunger und Sättigung steuern, können bei Menschen mit Übergewicht und Adipositas anders funktionieren. So habe eine Familie laut Rückmeldung an die Ärztin erst durch die Abnehmspritze festgestellt, «dass man auch ein Leben ohne permanenten Hunger haben kann».
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