Frankreich: 735 Schulen von Schülerprotesten betroffen – Regierung nimmt Eltern in die Pflicht
Die Proteste französischer Schüler dauern an. Am Freitag waren 735 Schulen betroffen, es kam erneut zu Gewalt. Bildungsminister Geffray fordert die Eltern auf, ihre Kinder von Ausschreitungen abzuhalten. Justizminister Darmanin will Eltern für Sachschäden haftbar machen. Seit Montag wurden mehr als 5.000 Menschen festgenommen, rund 85 Prozent von ihnen minderjährig.
Die von Gewalt begleiteten Schülerproteste in Frankreich halten an. Am Freitag waren nach Angaben von Bildungsminister Édouard Geffray noch 735 der insgesamt 3700 Schulen des Landes von Protestaktionen betroffen. Das sei ein Rückgang um 30 Prozent im Vergleich zum Donnerstag, teilte der Minister mit. Neben Blockaden und Demonstrationen kam es jedoch weiterhin zu Gewalttaten, darunter brutale Angriffe auf Sicherheitskräfte.
In Paris brannten am Freitag die Eingangsbereiche von zwei Schulen. In Lyon wurden Böller gezündet und Mülltonnen in Brand gesteckt. Nach Angaben des Bildungsministers wurden drei Schulmitarbeiter verletzt. In La Ciotat in Südfrankreich wurde ein Lehrer nach Behördenangaben mit Benzin übergossen und von zwei Angreifern attackiert. In mindestens zwei Fällen wurden Sicherheitskräfte direkt und brutal angegriffen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall einer Polizeischülerin, die in Paris von mehreren Angreifern zu Boden gestoßen worden war. In Belfort prügelten mehrere Jugendliche auf einen am Boden liegenden Polizisten ein und traten ihm gegen den Kopf. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, ein 17-Jähriger wurde festgenommen.
Innenminister Laurent Nuñez zufolge wurden allein am Freitag 1747 Menschen festgenommen. Seit Beginn der Protestwoche waren rund 2000 Menschen in Polizeigewahrsam genommen worden, etwa 90 Prozent von ihnen Minderjährige. Nach Angaben aus dem Innenministerium lag die Zahl der Festnahmen seit Montag sogar bei mehr als 5000, rund 85 Prozent der Festgenommenen seien minderjährig. Am Donnerstag hatte es 1954 Festnahmen gegeben. Mindestens 300 Sicherheitskräfte, 170 Jugendliche und 65 Schulmitarbeiter wurden nach offiziellen Angaben verletzt.
Vor dem Pariser Gymnasium Turgot blockierten am Freitagmorgen erneut zahlreiche Schüler den Eingang. Die 15-jährige Anna, die ihren Nachnamen nicht nennen wollte, sagte: «Wir wollen bessere Bedingungen, es fallen ständig Lehrer aus und werden nicht ersetzt.» Während der Hitzewelle hätten sie bei 37 Grad tagelang im Dunklen gesessen, und im Winter würden sie frieren. Der gleichaltrige Simon berichtete, er habe «ein Jahr lang keinen Bio-Unterricht» gehabt. Außerdem seien die Schultage zu lang und anstrengend: «Wir haben oft von 8.00 bis 18.00 Uhr Schule und müssen dann noch zwei Hausaufgaben machen.» Es gebe allgemein eine große Nervosität und Übermüdung.
Bildungsminister Geffray traf am Freitag mit Vertretern der Gewerkschaften und der Schülerschaft zusammen. Im Anschluss kündigte er einen Aktionsplan an, um schneller Ersatz für fehlende Lehrkräfte zu organisieren. «Wir können diese Krise nicht ohne eine politische Antwort auf nationaler Ebene beenden», sagte Gewerkschaftsvertreterin Sophie Vénétitay nach dem Treffen. Geffray nahm zugleich die Eltern in die Pflicht: «Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder nicht mehr auf der Straße sind, weil sie dort in Gefahr sind», sagte er im Sender BFM.
Justizminister Gérald Darmanin kündigte an, die Eltern von Minderjährigen für die verursachten Sachbeschädigungen heranzuziehen. «Wenn Schulen und Bushaltestellen beschädigt und öffentlicher Nahverkehr zum Ziel werden, dann müssen wir künftig die Eltern in die Verantwortung nehmen», sagte er. Der Justizminister sprach von einer «aktiven und gewaltbereiten Minderheit», zu der vermutlich auch Nicht-Schüler zählten. Innenminister Nuñez bezeichnete das Ausmaß der Proteste als erheblich und überraschend und führte es unter anderem auf soziale Netzwerke und den Einfluss der linken Partei La France Insoumise (LFI) zurück. Die politische Mobilisierung habe der Bewegung eine gewisse Größenordnung verliehen, sagte er. Die Gewalt sei den Verantwortlichen jedoch völlig entglitten.
Schülervertreter distanzierten sich von der Gewalt, riefen aber zugleich dazu auf, die Proteste fortzusetzen. Es gab auch Kritik an den Sicherheitskräften. Obwohl die Regierung betont, Polizei und Gendarmerie würden zurückhaltend vorgehen, werfen andere ihnen übermäßige Gewalt vor. Mehrere Gewerkschaften riefen für Dienstag zu Solidaritätsaktionen mit den Schülerprotesten auf.
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