Ungarns einziges Atomkraftwerk bleibt trotz der historisch niedrigen Pegelstände der Donau vorerst in Betrieb. Regierungschef Péter Magyar erklärte am Montag, den Ingenieuren sei es gelungen, die für den Betrieb einer Turbine erforderliche Kühlwassermenge zu reduzieren. Die Entwarnung kommt nur einen Tag, nachdem Magyar noch angekündigt hatte, das gesamte Kraftwerk werde erstmals seit 44 Jahren abgeschaltet. Das Land war durch die Trockenheit und die anhaltenden Hitzewellen in eine angespannte Energielage geraten.

Das Atomkraftwerk Paks liegt rund 130 Kilometer südlich der ungarischen Hauptstadt Budapest und nutzt das Wasser der Donau direkt zur Kühlung. Sinkt der Pegel, steht weniger Kühlwasser für den Betrieb zur Verfügung. Wegen ausbleibender Niederschläge und anhaltender Hitzewellen war der Fluss in den vergangenen Wochen auf einen historisch niedrigen Stand gesunken. Bereits in der Woche zuvor hatten die vier Reaktoren ihre Leistung deshalb schrittweise reduziert.

Am Sonntag hatte die Regierung noch erklärt, das gesamte Kraftwerk werde vom Netz genommen. Ein solcher Schritt wäre die erste vollständige Abschaltung in der mehr als vier Jahrzehnte langen Betriebsgeschichte des Werks gewesen. Am Montag korrigierte Magyar die Einschätzung: Alle Beteiligten arbeiteten daran, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Prognosen für die kommenden Tage seien «etwas optimistischer» geworden.

Das AKW deckt normalerweise rund ein Drittel des Strombedarfs Ungarns und ist damit ein zentraler Pfeiler der Energieversorgung des Landes. Um ein mögliches Energiedefizit auszugleichen, plant die Regierung mehrere Schritte: Große Industriekunden sollen ihren Stromverbrauch freiwillig senken, zusätzlich will Ungarn auf Stromimporte zurückgreifen. Zugleich ruft die Regierung die Bevölkerung dazu auf, insbesondere während der abendlichen Spitzenlastzeiten weitgehend auf Strom zu verzichten. Mit diesem Bündel aus freiwilligen Einsparungen, Importen und Appellen will Budapest Versorgungslücken vermeiden, ohne das Kraftwerk vom Netz nehmen zu müssen.

Die angespannte Lage macht sich auch in der Industrie bemerkbar, vor allem bei deutschen Autobauern mit Werken in Ungarn. BMW betreibt in Debrecen im Osten des Landes ein neues Werk. Ein Sprecher sagte der Zeitung «Welt», mit einem kurzfristig entwickelten Maßnahmenpaket würden zusätzliche Einsparpotenziale in den Bereichen Anlagenbetrieb, Beleuchtung, Klimatechnik und Ladeinfrastruktur genutzt. Dadurch habe das Werk seinen Energieverbrauch seit Freitag um rund 15 Prozent gesenkt.

BMW profitiert den Angaben zufolge von einer 50 Hektar großen Solarfläche am Standort. An einem Sommertag könne das Werk nahezu vollständig mit einer Leistung von bis zu 50 Megawatt betrieben werden. Allerdings arbeitet das Werk im Zweischicht-Betrieb: Sobald die Sonne untergeht und die Produktion weiterläuft, muss Strom aus dem Netz zugekauft werden.

Mercedes, das in Kecskemét ein Werk unterhält, meldet derweil keine Einschränkungen. Ein Sprecher sagte, der Betrieb laufe in allen Bereichen ohne Einschränkungen. Das Unternehmen beobachte die Lage genau und stehe in kontinuierlichem Austausch mit den zuständigen Behörden. Wie lange Paks am Netz bleiben kann, hängt von der weiteren Entwicklung des Donau-Pegels ab. Bei weiter sinkenden Pegelständen bliebe eine Abschaltung demnach möglich.