Ukrainische Geflüchtete werden zum Faktor am deutschen Arbeitsmarkt
Mehr als 370.000 ukrainische Staatsangehörige arbeiteten Ende 2025 in Deutschland. Polen und Tschechien zeigen zugleich, wie aus anfänglichen Aufnahmekosten mit wachsender Beschäftigung ein messbarer wirtschaftlicher und fiskalischer Beitrag entstehen kann.
Vier Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion ist die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter in Deutschland längst nicht mehr nur eine Frage von Unterbringung und Sozialleistungen. Sie ist zunehmend auch eine Arbeitsmarktfrage. Ende Juni 2026 lebten 1,286 Millionen Menschen aus der Ukraine mit vorübergehendem Schutz in Deutschland – mehr als in jedem anderen EU-Staat.
Die Beschäftigung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Dezember 2025 rund 372.900 ukrainische Staatsangehörige beschäftigt. 320.600 von ihnen hatten eine sozialversicherungspflichtige Stelle. Seit Februar 2022 nahm die Zahl der Beschäftigten aus der Ukraine um gut 307.000 zu, die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um mehr als 263.000.
Damit fließen nicht nur Beiträge in Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Erwerbstätige Haushalte zahlen Einkommensteuern, Miete und Konsumsteuern und erhöhen die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Die Bundesagentur weist zudem darauf hin, dass Geflüchtete einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Rückgang der Beschäftigung deutscher Staatsangehöriger teilweise auszugleichen.
Der deutsche Integrationsprozess ist dennoch langsamer als in mehreren Staaten Mittel- und Osteuropas. Die Beschäftigungsquote ukrainischer Staatsangehöriger lag im August 2025 bei 37,1 Prozent. OECD-Daten zeigten bereits für 2023, dass Polen, Litauen und Estland bei ukrainischen Geflüchteten auf Beschäftigungsquoten von mehr als 50 Prozent kamen, während Deutschland, Österreich und Belgien deutlich darunter lagen.
Das macht Vergleiche interessant, aber auch gefährlich. Polen kann nicht einfach als Blaupause für Deutschland behandelt werden. Dort schätzt eine von Deloitte für UNHCR erstellte Studie den Beitrag ukrainischer Geflüchteter zur Wirtschaftsleistung 2024 auf 2,7 Prozent des BIP. 69 Prozent der Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter waren beschäftigt. Das Modell fand weder einen Anstieg der Arbeitslosigkeit polnischer Bürger noch einen Rückgang ihrer Reallöhne infolge des zusätzlichen Arbeitsangebots.
In Tschechien ist der fiskalische Effekt noch direkter sichtbar. Das Arbeitsministerium meldete für 2024 erstmals einen positiven Saldo der mit ukrainischen Geflüchteten verbundenen Haushaltseinnahmen und Ausgaben: plus 9,7 Milliarden Kronen. Nach den ersten drei Quartalen 2025 lag der Überschuss bereits bei 11,7 Milliarden Kronen. Allein im dritten Quartal standen modellierten Einnahmen von 8,2 Milliarden Kronen Ausgaben von 3,9 Milliarden gegenüber.
Deutschland ist von einem solchen Schluss auf Basis der vorliegenden Zahlen weit entfernt. Das deutsche Sozial- und Integrationssystem ist anders aufgebaut, die Zahl der Menschen in Sprachkursen oder ohne Beschäftigung ist größer, und die Kosten für Wohnen und Grundsicherung bleiben erheblich. Eine steigende Zahl von Beitragszahlern ist deshalb nicht automatisch gleichbedeutend mit einem positiven Nettosaldo für den Staat.
Ökonomisch entscheidend ist vielmehr, ob die Beschäftigungsquote weiter steigt und ob Menschen entsprechend ihrer Qualifikation arbeiten können. Der polnische Bericht zeigt, dass nur etwa ein Drittel der Geflüchteten mit Hochschulabschluss eine Stelle hat, für die ein solcher Abschluss erforderlich ist. Wer fließend Polnisch spricht, verdient im Durchschnitt rund 700 Zloty netto mehr im Monat als Personen mit Anfängerkenntnissen.
Für Deutschland liegt darin ein wichtiger Hinweis. Der nächste Wachstumsschritt besteht nicht allein darin, mehr Menschen in irgendeine Beschäftigung zu bringen. Ärztinnen, Ingenieure, Lehrerinnen oder Buchhalter, die nach Anerkennung ihrer Abschlüsse in ihrem Beruf arbeiten können, erzeugen mehr Wertschöpfung und zahlen höhere Abgaben als in Helfertätigkeiten. Gleichzeitig sinkt der Bedarf an ergänzenden Leistungen.
Auch der demografische Hintergrund verschiebt die Debatte. Die Europäische Zentralbank stellte 2026 fest, dass ausländische Arbeitskräfte mehr als die Hälfte des Wachstums der Erwerbsbevölkerung im Euroraum während der vorangegangenen vier Jahre getragen haben. Der Zuzug von Ukrainern nach Deutschland war ein Teil dieser Entwicklung.
Der vorübergehende Schutz in der EU läuft inzwischen bis März 2027. Für Deutschland ist das ein begrenztes Zeitfenster, in dem aus einer humanitären Aufnahme dauerhaft produktive Integration werden kann. Die Beschäftigungszahlen zeigen, dass dieser Übergang bereits läuft. Ob daraus ein stärkerer gesamtwirtschaftlicher Effekt entsteht, hängt nun vor allem von Sprache, Kinderbetreuung, Anerkennung von Qualifikationen und dem Zugang zu passenden Arbeitsplätzen ab.
