Die Hitzewelle in Europa wird immer stärker zu einem wirtschaftlichen Risiko. In Berlin hat Minister Bilger deshalb eine erste Krisenrunde der Bundesregierung einberufen, um über die Folgen der hohen Temperaturen für die Wirtschaft zu beraten. Der Versicherungskonzern Allianz rechnet für Deutschland bis zum Jahr 2030 mit Ausfällen in Höhe von umgerechnet rund 112 Milliarden Euro, falls der gegenwärtige Trend zu extremen Sommern anhält. Zudem drohen Steuerausfälle.
Nach einer Allianz-Analyse zu den wirtschaftlichen Kosten extremer Hitze sinkt die Produktivität pro zusätzlichem Grad über 30 Grad Celsius um etwa 3 Prozent. Gleichzeitig steigen die Energiekosten den Angaben zufolge um etwa 1,2 Prozent pro Grad, weil mehr gekühlt werden muss. Besonders betroffen sind Unternehmen, die auf Wasserwege, stabile Lieferketten und kühle Arbeitsbedingungen angewiesen sind.
Auch in anderen europäischen Ländern erreicht die Hitzewelle die Politik. In Frankreich macht die Rechtsaußenpolitikerin Marine Le Pen das Krisenmanagement von Präsident Emmanuel Macron für die Folgen verantwortlich und spricht von Staatsversagen. Hintergrund sind unter anderem die Waldbrände in der Gironde und die ausbleibende Lieferung neuer Löschflugzeuge vom Typ Canadair, die Macron versprochen hatte. Wegen der hohen Temperaturen meldete auch die Staatsbahn SNCF Probleme mit den Gleisen, zeitweise waren Kliniken überlastet. Le Pen skizzierte einen Klimaanlagen-Plan: Bis 2035 sollen 40 Milliarden Euro mobilisiert werden, die Hälfte davon in die Ausstattung von Kliniken, Kitas, Schulen und Altersheimen mit Klimaanlagen fließen.
In den Niederlanden bleiben von Mittwoch an die Schleusen rund um Rotterdam und Den Haag dicht. Die Trockenheit ist die schlimmste seit 1976. Durch die langsamere Fließgeschwindigkeit der Flüsse sollen die Grundwasserpegel steigen. Landwirte dürfen in vielen Regionen kein Flusswasser mehr zur Bewässerung ihrer Felder verwenden. Agrarverbände warnen vor steigenden Kosten für Obst und Gemüse. Auch das Militär ist betroffen: Ein Truppenübungsplatz in t'Harde musste bereits im Frühjahr wegen eines Waldbrandes zeitweise schließen.
In Ungarn muss das Atomkraftwerk Paks vom Netz gehen. Die Pegelstände der Donau sind zu niedrig, um ausreichend Kühlwasser zu entnehmen. Paks liefert knapp die Hälfte des Stroms im Land. Ministerpräsident Péter Magyar verfügte per Verordnung, dass die Stromversorgung für Großverbraucher in der Industrie eingestellt werden kann, falls diese die erwartete Verringerung des Verbrauchs nicht umsetzen. Industrieunternehmen wie Mercedes müssen ihre Produktion in Ungarn drosseln.
In Deutschland sorgt vor allem der sinkende Pegel des Rheins für Alarm. Die Trockenheit erschwert die Schifffahrt und gefährdet die Logistikketten der Industrie entlang des Flusses. Der Chemiekonzern BASF ist mit seinem Stammwerk in Ludwigshafen auf den Rhein als Transportweg angewiesen. Niedrige Wasserstände können den Nachschub von Rohstoffen und den Abtransport von Fertigprodukten behindern. Zugleich sucht Deutschland nach einer klimaresistenteren Infrastruktur, wie die Krisenrunde in Berlin deutlich macht.
Die aktuellen Extremwetter zeigen, dass Hitzewellen nicht nur ein Klima- und Gesundheitsthema sind, sondern auch Staatshaushalte, Industrie und Infrastruktur belasten. In mehreren Ländern wird daher über Anpassungsstrategien debattiert, während Landwirtschaft, Energieversorgung und Verkehr unter den Bedingungen des Sommers leiden.



