Die ukrainische Führung will Russland nach dem Willen von Präsident Wolodymyr Selenskyj schon im Herbst so stark unter Druck setzen, dass Moskau einem Ende des Krieges zustimmt. Vor den versammelten Botschaftern der Ukraine in Kiew sagte Selenskyj, ein genaues Datum lasse sich nicht vorhersagen. Doch ukrainische Drohnenangriffe, internationale Sanktionen und diplomatische Bemühungen müssten zusammenwirken, um Russland «keine Alternative zu einem Frieden zu lassen».

Ausdrücklich nannte Selenskyj die wirtschaftliche Schwächung Russlands als Teil der Strategie. Die Angriffe auf russische Logistik- und Energieinfrastruktur hätten in den vergangenen Wochen bereits spürbare Folgen gehabt. Zugleich stellte er die Weichen für einen weiteren Kriegswinter: Jeder Botschafter solle bei ausländischen Partnern Waffen und technische Unterstützung organisieren. Als wichtiges gemeinsames Projekt nannte er die Entwicklung des Raketenabwehrsystems «Freyja» mit europäischen Partnern.

Seit Ende Juni läuft eine von Selenskyj angekündigte 40-tägige Phase verstärkter Geheimdienstaktionen, die Russland zum Frieden zwingen soll. Die Frist läuft in dieser Woche ab. In diesen Zeitraum fielen unter anderem Angriffe auf Versandzentren des russischen Online-Händlers Wildberries. Nach Darstellung Kiews handelt es sich dabei um gezielte Schläge gegen die russische Kriegslogistik. Sie treffen zugleich ein Symbol des vom Kreml versprochenen Alltags, denn Wildberries gilt als einer der größten Online-Händler Russlands.

Die Militärführung in Moskau meldete zuletzt die Abwehr von 131 ukrainischen Drohnen über russischen Regionen und der annektierten Halbinsel Krim. Unabhängig überprüfbar sind solche Angaben nicht, sie deuten aber auf die Intensität der ukrainischen Angriffe hin. Besonders die seit 2014 von Russland besetzte Krim steht im Fokus. Dort wurde nach Angaben des von Moskau eingesetzten Statthalters die Energie-Infrastruktur stark beschädigt.

Bei ukrainischen Gegenangriffen in der Schwarzmeerregion kamen nach offiziellen russischen Angaben mindestens sechs Menschen ums Leben. In Archipo-Ossipowka in der Region Krasnodar starben drei Menschen, 13 weitere wurden verletzt, als Drohnentrümmer herabstürzten. Auf der Krim wurden ebenfalls drei Tote und zwei Verletzte gemeldet. Ein russischer Angriff auf eine Tankstelle in der ukrainischen Region Dnipropetrowsk forderte nach Angaben des dortigen Gouverneurs drei Todesopfer. Die russischen Streitkräfte haben ihre Angriffe auf Tankstellen in der gesamten Ukraine zuletzt verstärkt.

Nach Angaben aus Kiew hat die russische Armee im Juli die höchsten Verluste des Jahres erlitten. Erstmals seit Beginn der Invasion seien in einem Monat mehr als 40.000 russische Soldaten gefallen oder verwundet worden. Unabhängig ließ sich das nicht bestätigen. An der Front macht sich der personelle Verschleiß nach Angaben aus Kiew zunehmend bemerkbar.

Im Verteidigungsbereich kündigte Selenskyj zugleich einen Führungswechsel an. Rustem Umjerow, bisher Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates und Chefunterhändler für Kontakte mit Russland, soll neuer Chef des Auslandsgeheimdienstes werden. In dieser Funktion bleibt er zuständig für die unter US-Vermittlung geführten Gespräche mit Moskau. Zugleich soll er den Export ukrainischer Drohnen und deren Integration in die Verteidigungssysteme anderer Staaten koordinieren. Der Posten des Geheimdienstchefs war seit Monaten nur kommissarisch besetzt.

Die Personalentscheidung fällt in eine Zeit innenpolitischer Unruhe. Zum neuen Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates wurde der frühere Innenminister Ihor Klymenko ernannt. Seit Wochen protestieren in der Ukraine Menschen gegen die Personalpolitik Selenskyjs. Sie fordern unter anderem die Wiedereinsetzung des entlassenen Verteidigungsministers. Als neuer Verteidigungsminister ist der bisherige kommissarische SBU-Chef Jewhenij Chmara vorgesehen. Für dessen Ernennung muss Selenskyj die Kandidatur im Parlament einreichen und bestätigen lassen.

Unterdessen zieht sich die US-Regierung aus der Führung der Ukraine Security Assistance Group zurück. Die Gruppe koordiniert die militärische Unterstützung für die Ukraine. Europa übernimmt nach Angaben aus Washington schrittweise operative Schlüsselrollen.

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Kombination aus Drohnenangriffen, Sanktionen und Diplomatie tatsächlich ausreicht, um Russland bis zum Herbst zu Zugeständnissen zu bewegen. Selenskyj selbst sagte, ein genauer Zeitpunkt sei nicht vorhersagbar. Die Vorbereitungen für einen weiteren Kriegswinter liefen nach seinen Worten bereits.