Die Chefin der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, hat die Führungsstrukturen ihres eigenen Konzerns scharf kritisiert. Sie sprach von einer «organisierten Verantwortungslosigkeit» im Bahn-Management und sagte, das Unternehmen stecke in der schlimmsten Krise seiner Geschichte. Damit richtet sich der Vorwurf nicht an einzelne Bahnmitarbeiter, sondern an die oberen Etagen des Konzerns, in denen Entscheidungen getroffen werden.
Aus Sicht Pallas ist die Lage weit mehr als ein Pünktlichkeitsproblem, auch wenn Zugverspätungen weiterhin das große Thema der Bahn bleiben. Die wiederkehrenden Störungen im Betrieb sind nach ihrer Darstellung nur der sichtbarste Ausdruck einer tiefen organisatorischen Krise. Die Verantwortung dafür sei so zersplittert, dass am Ende niemand mehr wirklich für das eigene Handeln geradestehe. Genau diese Struktur bezeichnete Palla als «organisierte Verantwortungslosigkeit».
Der gewählte Begriff ist ungewöhnlich deutlich und beschreibt ein Muster, das in großen Konzernen immer wieder kritisiert wird: Zuständigkeiten sind auf viele Schultern verteilt, Entscheidungen fallen in Abstimmungsrunden, und am Ende kann sich kaum noch jemand persönlich angesprochen fühlen. Nach Pallas Analyse ist genau dieser Mechanismus im Bahn-Management zu finden. Ihrer Einschätzung zufolge können viele Verantwortliche offenbar davon ausgehen, dass Entscheidungen zwar gemeinsam getroffen, im Zweifel aber von niemandem wirklich verantwortet werden müssen.
Bemerkenswert ist, dass die Kritik aus dem Inneren des Unternehmens kommt. Üblicherweise richten sich solche Vorwürfe von außen an den Konzern. Nun ist es die Konzernchefin selbst, die ihrer Führungsriege vorhält, Verantwortung nicht konsequent zu übernehmen. Palla macht damit deutlich, dass die Krise der Bahn nicht allein mit äußeren Umständen erklärt werden kann.
Für die Fahrgäste sind die Folgen der Krise längst Alltag. Zugverspätungen und ihre Auswirkungen auf Anschlüsse und Reisepläne gehören für viele Reisende weiterhin zur Normalität. Palla räumte ein, dass die Bahn hier große Probleme hat. Zugleich stellte sie klar, dass eine nachhaltige Besserung nur gelingen kann, wenn sich auch die Verantwortungsstrukturen im Konzern grundlegend ändern.
Wie tief die Krise aus Sicht der Bahn-Chefin reicht, zeigt ihre Aussage, das Unternehmen befinde sich in der schlimmsten Krise ihrer Geschichte. Die Wortwahl lässt darauf schließen, dass es sich nach Pallas Überzeugung nicht um einzelne Führungsschwächen handelt, sondern um ein systematisches Phänomen. Der Begriff «organisiert» verweist auf Strukturen, die offenbar dazu führen, dass Verantwortung regelmäßig verschwindet, anstatt bei konkreten Personen anzukommen.
Ob Palla aus ihrer Kritik personelle oder organisatorische Konsequenzen ziehen wird, ist bislang nicht bekannt. Mit ihren Aussagen hat sie die Richtung jedoch vorgegeben: Im Bahn-Management müsse sich etwas ändern, wenn der Konzern die Krise überwinden will. Wer Verantwortung trage, müsse künftig auch dafür einstehen. Genau das sei in der Vergangenheit zu oft unterblieben, lautet der Kern ihrer Kritik an den bestehenden Verantwortungsstrukturen im Konzern.



