Der zurückgetretene Bundestrainer Julian Nagelsmann hat sich mit emotionalen Worten an die deutschen Fans gewandt und sich für das frühe Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko entschuldigt. In seiner Abschiedserklärung schrieb er: «Ihr hättet viel mehr verdient gehabt.» Die DFB-Elf war bereits in der Gruppenphase gescheitert, was zu heftigen Diskussionen und schließlich zu Nagelsmanns Rücktritt führte.

Der 38-Jährige, der erst 2023 das Amt des Bundestrainers übernommen hatte, zeigte sich in seiner Erklärung tief betroffen. «Es tut mir von Herzen leid», ließ er verlauten und richtete sich direkt an die Anhänger der Nationalmannschaft. Nagelsmann betonte, dass die Mannschaft und er selbst mehr von den Fans erwartet hätten und dass die Enttäuschung über das frühe Aus groß sei. Die Partie gegen Paraguay, die das Aus besiegelte, hatte in Deutschland für große Bestürzung gesorgt.

Das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft löste nicht nur sportliche Diskussionen aus, sondern auch gesellschaftliche Debatten. Luis Bobga, Co-Chef der Grünen Jugend, sorgte mit einem Post in sozialen Medien für Aufsehen. Er äußerte die Befürchtung, dass die Niederlage gegen Paraguay zu einer Zunahme häuslicher Gewalt führen könnte. «Wie viele Männer haben heute Nacht um halb 2 wohl rotzevoll die Wut auf Paraguay an ihren Frauen rausgelassen?», schrieb Bobga. Der Beitrag erntete heftige Reaktionen, darunter Kommentare wie «arme, arme Kreatur».

Wissenschaftliche Studien stützen Bobgas Befürchtungen tatsächlich. Ein Forscherteam um Kirsty Forsdike von der La Trobe University in Australien wertete mehrere Studien zum Zusammenhang zwischen sportlichen Niederlagen und häuslicher Gewalt aus. Die Untersuchungen, die vor allem aus Großbritannien, Kanada und den USA stammen, zeigen einen signifikanten Anstieg der Vorfälle an Spieltagen. So ereigneten sich an Tagen, an denen das englische Nationalteam gewann, 41 Prozent mehr Fälle von alkoholbedingter Gewalt von Männern gegen Frauen. An den Tagen nach Spielen der englischen Mannschaft wurden 17 Prozent mehr Fälle häuslicher Gewalt gemeldet als an spielfreien Turniertagen.

Die Studien belegen auch, dass die Art des Spiels eine Rolle spielt. Bei Fußballspielen am Samstag steigt die Zahl der gemeldeten Vorfälle häuslicher Gewalt um 43 Prozent, bei Wettkämpfen am Sonntag sogar um 50 Prozent. Besonders ausgeprägt ist der Effekt bei Derbys: Eine unerwartete Derby-Niederlage im American Football führt zu einem Anstieg der gemeldeten Vorfälle um 20 Prozent. Bei den traditionellen schottischen Fußball-Derbys zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers stieg die Zahl der Meldungen um 36 Prozent.

In Deutschland erreichten die Fälle häuslicher Gewalt im Jahr 2024 einen neuen Höchststand. Laut Bundeskriminalamt (BKA) wurden 265.942 Vorfälle gemeldet, in 70,4 Prozent der Fälle handelte es sich um Gewalt gegen Frauen. Ein direkter Zusammenhang mit Sportereignissen wurde in der offiziellen Statistik nicht erfasst. Bobga legte in der Debatte nach und forderte mehr Engagement für den Schutz von Frauen: «Wenn Männer einmal so beherzt rechtlichen Schutz vor sexualisierter Gewalt, mehr Geld für Frauenhäuser und Outcallen von Tätern in ihrem Freundeskreis fordern würden wie jetzt den Rücktritt von Nagelsmann, stellt euch vor was für 'ne Welt wir hätten», schrieb er. Und: «So, und jetzt hängt eure scheiß Deutschlandflaggen wieder ab.»

Die Diskussion um Nagelsmanns Rücktritt und die Nachfolge ist in vollem Gange. Als möglicher neuer Bundestrainer wird unter anderem Jürgen Klopp gehandelt. Die DFB-Spitze steht vor der schwierigen Aufgabe, nach dem erneuten frühen WM-Aus einen Neuanfang zu gestalten. Nagelsmann selbst hinterlässt eine Mannschaft, die weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Die Fans, die die Mannschaft in den USA, Kanada und Mexiko lautstark unterstützt hatten, fühlen sich enttäuscht. Nagelsmanns Entschuldigung wird von vielen als erster Schritt zur Versöhnung gesehen, doch die sportliche Zukunft des deutschen Fußballs bleibt ungewiss.

Autor

Gesellschaftsreporterin

Greta Kaufmann berichtet für Guldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.