Marokko hat als erste Mannschaft das Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika erreicht. Das Team von Nationaltrainer Mohamed Ouahbi besiegte Mit-Gastgeber Kanada in Houston mit 3:0 und zog damit als erstes Team unter die besten acht Mannschaften des Turniers ein. Der Afrika-Meister traf nach einer schwachen ersten Halbzeit zweimal durch den zum Spieler des Spiels gekürten Azzedine Ounahi und einmal durch Soufiane Rahimi in der Nachspielzeit.
Die Partie vor 68.777 Zuschauern im NRG Stadium begann für die Marokkaner alles andere als verheißungsvoll. Kanada bestimmte die Anfangsphase klar und vergab mehrere gute Torgelegenheiten. Jonathan David scheiterte bereits in der fünften Minute, Tani Oluwaseyi hatte die Führung auf dem Fuß, wurde aber von Marokkos Torhüter Yassine Bounou gestoppt. Die Marokkaner taten sich lange schwer, ins Spiel zu finden, und mussten zudem einen frühen verletzungsbedingten Ausfall verkraften: Bayern-Neuzugang Ismael Saibari, der bei dieser WM bereits dreimal getroffen hatte, musste in der 22. Minute ausgewechselt werden.
Erst nach dem Seitenwechsel wachte Marokko auf. Nach einem Freistoß von Achraf Hakimi kam der Ball zu Ounahi, der von der Strafraumgrenze flach ins untere Toreck traf. Die Führung gab den Marokkanern Sicherheit, sie verlegten sich auf Konter und konnten abwarten. In der 82. Minute sorgte Ounahi mit seinem zweiten Treffer für die Vorentscheidung, ehe Rahimi in der achten Minute der Nachspielzeit den Schlusspunkt setzte. „Wir haben gelitten“, gestand Nationaltrainer Ouahbi nach dem Spiel. Seine Mannschaft habe sich nach der Pause aber „beeindruckend“ reingehängt.
Für Kanada endet das Turnier dagegen enttäuschend. Das Team von Trainer Jesse Marsch verabschiedet sich immerhin mit dem Erfolg, dank der ersten WM-Punkte überhaupt so weit gekommen zu sein wie noch nie. „Wir waren die bessere Mannschaft. Aber sie haben ein paar Tore erzielt“, sagte Marsch. „Sie haben ein bisschen mehr Qualität im letzten Drittel – und uns hat es dort gefehlt.“ Der frühere Leipzig-Coach zeigte sich trotz des Ausscheidens stolz auf sein Team: „Wir liegen jetzt am Boden, aber ich könnte nicht stolzer sein.“
Die Begegnung hatte auch aufgrund des Datums eine besondere Note. Der große Nachbar USA, der unter Präsident Donald Trump eher schwierige Beziehungen zu Kanada pflegt, feierte am Samstag landesweit 250 Jahre Unabhängigkeit. Im und rund um das Stadion im patriotischen Bundesstaat Texas waren zahlreiche US-Fahnen und US-Trikots zu sehen. Die USA selbst hatten an ihrem „Independence Day“ spielfrei. Im Stadion waren zudem die marokkanischen Fans in der Überzahl.
Marokko, das bei der WM 2022 in Katar den vierten Platz belegt hatte, gehörte schon vor dem Turnier mit einem hochtalentierten Kader zum erweiterten Favoritenkreis. Für Saibari zahlte der FC Bayern jüngst Schätzungen zufolge rund 55 Millionen Euro an die PSV Eindhoven. Im Viertelfinale wartet nun der große Favorit Frankreich, der Deutschland-Bezwinger Paraguay mit 1:0 besiegte. Offen ist, ob Saibari dann wieder mitspielen kann. Der 25-Jährige hatte bei dieser WM bereits dreimal getroffen, unter anderem zur Führung beim 1:1 gegen Rekordweltmeister Brasilien in der Gruppenphase.
Die erste Halbzeit war von vielen Nickeligkeiten geprägt. Der größte Aufreger war eine Rangelei, die mit Gelben Karten für Kanadas Richie Laryea und Marokkos Achraf Hakimi endete. Der englische Schiedsrichter Michael Oliver hatte Mühe, die Gemüter zu beruhigen und verteilte noch weitere Verwarnungen. „Das Level, das wir die ersten Spiele gezeigt haben, wird nicht reichen, um dieses Spiel zu gewinnen“, hatte Ouahbi vor dem Spiel angemahnt. Der Druck lag auch auf Real-Madrid-Star Brahim Díaz, der bislang torlos geblieben war und wie seine Teamkollegen gegen Kanada 45 Minuten lang große Probleme hatte, sich in Szene zu setzen.
Für die kanadische Auswahl und die Fans war die Reise nach Houston allein schon wegen des Datums besonders. Auf der Tribüne half auch die Anfeuerung von Eishockey-Ikone Wayne Gretzky am Ende nichts. Kanada verabschiedet sich mit dem Erfolg, erstmals WM-Punkte geholt und die Gruppenphase überstanden zu haben. Für Marokko geht der Traum vom WM-Titel dagegen weiter – im Viertelfinale gegen Frankreich.



