Die FIFA gibt ihre umstrittenen Investorenpläne auf. Nach tagelangem massivem Widerstand aus dem Weltfußball erklärte Verbandspräsident Gianni Infantino in einer in der Nacht zum Samstag veröffentlichten Stellungnahme, der Vorschlag werde nicht weiterverfolgt. Damit ist ein Projekt vom Tisch, mit dem der Weltverband durch den Verkauf von Teilen seiner kommerziellen Rechte, etwa an der Weltmeisterschaft, eine Milliardensumme einspielen wollte.
Das Vorhaben hatte in den vergangenen Wochen für erhebliche Empörung gesorgt. Vorgesehen war, einen Teil der kommerziellen Rechte der FIFA, insbesondere an der Weltmeisterschaft, an externe Investoren zu veräußern. Für die Umsetzung sollte eigens die Tochtergesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) gegründet werden. Berichten zufolge hatte der Weltverband den Mitgliedsverbänden für ihre Zustimmung eine Frist bis zum 19. September gesetzt und im Gegenzug Sonderzahlungen in Aussicht gestellt.
Begründet wurde der Rückzug mit den Spaltungen, die das Projekt ausgelöst habe. «Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen», sagte Infantino. Ziel der FIFA sei es, stets zu vereinen und zu verbessern. «Daher wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt.» Zugleich kündigte er an, alle interessierten Parteien in den kommenden Tagen und Wochen wieder zusammenbringen zu wollen, um den Fußball überall voranzubringen, insbesondere in Ländern, die Unterstützung am dringendsten benötigten. Zur Umsetzung wäre es ohnehin nur gekommen, wenn eine Mehrheit der Mitgliedsverbände zugestimmt hätte.
Dem Rückzug war ein wachsender Druck in den vergangenen Tagen vorausgegangen. Vor allem die europäische UEFA hatte die Pläne nicht nur heftig kritisiert, sondern sogar mit einem Boykott der Weltmeisterschaft gedroht. «Keine Nationalmannschaften aus der UEFA werden an irgendeinem FIFA-Wettbewerb teilnehmen, solange diese Vorschläge weiterbestehen», teilte die UEFA nach einem Dringlichkeitstreffen mit.
Auch der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Verband Concacaf und der asiatische Fußballverband AFC gingen deutlich auf Distanz zu Infantino. Der südamerikanische Verband Conmebol bezog zunächst keine inhaltliche Position, erklärte aber, die Pläne weiter zu prüfen, und forderte zusätzliche Informationen von der FIFA an. Zudem bröckelte die Unterstützung innerhalb des Weltverbands. FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf Infantino vor, die Mitarbeiter hintergangen zu haben. Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater des Präsidenten, trat aus Protest gegen die Pläne zurück. Er könne als früherer Banker und lebenslanger Fußball-Fan nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung ziehe, schrieb er.
Die internationale Presse wertete den Rückzug als Schlappe für Infantino und die FIFA. Die britische Zeitung «Daily Mail» sprach von einer «peinlichen Kehrtwende» und einer «demütigenden Niederlage». Die spanische «As» sah einen «globalen Rückschlag» für den FIFA-Präsidenten. «El País» urteilte, der Fußball mit seinen Millionen Fans habe über externe Akteure gesiegt und die FIFA verloren. Der Schweizer «Blick» erkannte einen «ungewöhnlichen Rückzieher» eines Präsidenten, der in der Vergangenheit seine Vorhaben meist ohne größeren Widerstand durchgesetzt habe. Die französische «L’Équipe» attestierte dem Weltverband eine Krise, während die italienische «Gazzetta dello Sport» die Aufgabe der Pläne mit den Worten «Die Vernunft hat gesiegt» begrüßte.
Die Kehrtwende könnte auch Folgen für Infantinos Position an der Spitze des Weltverbands haben. Der britische Premierminister Andy Burnham hatte sich bereits offen für eine Ablösung des Schweizers ausgesprochen. Infantino sei «der falsche Mann» an der Spitze des Fußball-Weltverbands, sagte der Regierungschef. UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister sagte, die weltweite Einigkeit gegen die Vorschläge sende der FIFA ein klares Signal. «Ich hoffe, dass dies für den Präsidenten und die FIFA ein Weckruf ist, damit sie diese Aufgaben weitaus ernster nehmen, als sie es offenbar bisher getan haben.»
Ob Infantino die Affäre politisch unbeschadet übersteht, ist offen. Die Aufgabe des Projekts gilt in vielen Verbänden als Erfolg des gemeinsamen Widerstands, zugleich aber als Autoritätsverlust für FIFA-Präsident Gianni Infantino. Die FIFA kündigte an, die Gespräche mit allen Beteiligten in den kommenden Wochen im Sinne des Sports fortzusetzen. Eine offizielle Erklärung zum weiteren Umgang mit den Verantwortlichen des Vorhabens gab es zunächst nicht.


