Der Fußball-Weltverband FIFA hat sich erstmals ausführlich zu seiner umstrittenen Entscheidung geäußert, die automatische Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun zur Bewährung auszusetzen. In einer 13 Absätze umfassenden Stellungnahme, die noch vor dem Anpfiff des Achtelfinalspiels der USA gegen Belgien in Seattle veröffentlicht wurde, erläuterte die FIFA die rechtlichen Grundlagen ihres Vorgehens. Die Erklärung folgt auf heftige Kritik, die insbesondere durch ein bekannt gewordenes Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino ausgelöst worden war.
Balogun, der als bester Angreifer des WM-Mitgastgebers USA gilt, hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina die Rote Karte gesehen. In der 2:0-Sieg der US-Amerikaner war der Videoschiedsrichter eingeschritten, nachdem die Aktion zunächst nur mit einem Freistoß geahndet worden war. Nach den FIFA-Regularien zieht eine Rote Karte automatisch eine Sperre von mindestens einer Partie nach sich. Diese Sperre hätte Balogun für das entscheidende Achtelfinale gegen Belgien gesperrt.
Die FIFA betonte in ihrer Stellungnahme, dass die Rote Karte gegen Balogun weiterhin Bestand habe und auch die automatische Sperre von einer Partie grundsätzlich nicht infrage gestellt werde. Die Entscheidung des Schiedsrichters sei demnach nicht falsch gewesen. Der Weltverband verwies jedoch auf sein Recht, Strafen anzupassen und zur Bewährung auszusetzen. Dieses Recht sei in den entsprechenden Disziplinarregeln verankert und werde in bestimmten Fällen angewandt.
Zum konkreten Grund für die Aussetzung der Sperre gab es in der langen Stellungnahme nur einen einzigen Satz: „Die Aussetzung der Vollstreckung der genannten Sperre wurde unter Berücksichtigung aller besonderen Umstände des Vorfalls sowie der verfügbaren Beweismittel beschlossen.“ Welche besonderen Umstände dies waren und auf welche Beweismittel sich die FIFA stützte, wurde nicht mitgeteilt. Diese Zurückhaltung nährte die Spekulationen über mögliche politische Einflussnahme.
Besonders brisant war die Enthüllung, dass US-Präsident Donald Trump vor der Entscheidung mit FIFA-Präsident Gianni Infantino telefoniert hatte. Trump, der die USA als Mitgastgeber der Weltmeisterschaft öffentlich unterstützt, hatte sich mehrfach für den Erfolg des US-Teams ausgesprochen. Die zeitliche Nähe des Telefonats zur Entscheidung der FIFA sorgte für scharfe Kritik von Sportkommentatoren und Fans, die eine unzulässige Einmischung der Politik in den Sport befürchteten.
Die FIFA wies in ihrer Stellungnahme indirekt den Vorwurf zurück, dass das Telefonat Einfluss auf die Entscheidung gehabt habe. Der Verband betonte, dass die Aussetzung der Sperre allein auf Grundlage der sportrechtlichen Bestimmungen und der vorliegenden Beweise erfolgt sei. Eine direkte Erwähnung des Telefonats oder eine ausdrückliche Dementierung eines politischen Drucks fehlte jedoch in der Erklärung.
Der Fall Balogun wirft ein Schlaglicht auf die komplexen Regeln der FIFA zur Sperrenumwandlung. Grundsätzlich ist eine Rote Karte eine Tatsachenentscheidung, die nicht angefochten werden kann. Die automatische Sperre kann jedoch in Ausnahmefällen von der FIFA-Disziplinarkommission überprüft und gegebenenfalls umgewandelt werden. Solche Entscheidungen sind selten und werden in der Regel nur dann getroffen, wenn besondere Umstände vorliegen, etwa wenn die Rote Karte auf einem offensichtlichen Irrtum beruht oder die Härte der Strafe unverhältnismäßig erscheint.
Die mangelnde Transparenz der FIFA in diesem Fall hat die Diskussion über die Unabhängigkeit von Sportgerichten neu entfacht. Kritiker fordern, dass der Weltverband seine Entscheidungen künftig detaillierter begründen müsse, um den Anschein von Willkür oder politischer Beeinflussung zu vermeiden. Die FIFA selbst sieht sich durch ihre Regeln gedeckt und verweist auf die Vertraulichkeit von Disziplinarverfahren.
Für die US-Nationalmannschaft war die Entscheidung ein wichtiger Schub vor dem Achtelfinale. Mit Balogun im Kader konnten die USA auf ihren torgefährlichsten Spieler zurückgreifen, was die Chancen auf ein Weiterkommen deutlich erhöhte. Die Partie gegen Belgien in Seattle war eines der meistbeachteten Spiele der WM, und die FIFA-Entscheidung sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit weit über den Sport hinaus.



