Russland hat in der Nacht erneut massive Luftangriffe auf die Ukraine geflogen und dabei nach bisherigen Angaben mindestens zehn Menschen getötet sowie 46 weitere verletzt. Die Hauptstadt Kiew sowie mehrere andere Städte wurden mit Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen attackiert. Mehrstöckige Gebäude, darunter ein Hotel, gerieten in Brand, mehrere Wohnhäuser wurden vollständig zerstört. Rettungskräfte suchen weiterhin unter den Trümmern nach Opfern.

Nach Angaben des Nachrichtenportals „The Kyiv Independent“ handelte es sich um eine der heftigsten Angriffswellen seit Beginn des Krieges im Februar 2022. Die Angreifer setzten demnach Dutzende Raketen und Marschflugkörper ein. Verängstigte Bewohner suchten in U-Bahn-Stationen Schutz, viele schlugen dort Zelte auf, um die Nacht unter der Erde zu verbringen. Reporter berichteten von „unglaublich lauten Explosionen“, die selbst in tief gelegenen Luftschutzbunkern deutlich zu hören gewesen seien. Auch in anderen Städten wie Saporischschja, Pawlohrad, Sumy und Charkiw gab es Luftalarm und Explosionen. Der Gouverneur von Saporischschja, Iwan Fedorow, meldete drei Verletzte.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Mittwoch vor einem bevorstehenden Großangriff gewarnt. „Alle ein bis zwei Wochen gibt es massive Attacken mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen – und heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs“, sagte er am Rande einer Zeremonie zum Wechsel der EU-Ratspräsidentschaft in Dublin. Er kündigte an, direkt nach der Pressekonferenz in die Ukraine zurückzukehren, und rief die Bevölkerung auf, Alarmsignale zu beachten und Schutzräume aufzusuchen.

Abseits der täglichen Luftangriffe haben die ukrainischen Verteidiger nach Einschätzung von US-Kriegsexperten zuletzt bemerkenswerte Erfolge erzielt und die Verluste der russischen Seite stark in die Höhe getrieben. Einem Lagebericht des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington zufolge machen den Russen neben ihrer stockenden Bodenoffensive vor allem die steigenden Gefallenenzahlen zu schaffen. Insgesamt seien seit Kriegsbeginn rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst gemeldet worden, davon allein 1,4 Millionen auf russischer Seite.

Während das Verhältnis zwischen russischen und ukrainischen Verlusten die meiste Zeit über bei 2:1 oder 3:1 gelegen habe, sei es im ersten Halbjahr 2026 schätzungsweise auf 8:1 gestiegen. Hauptgrund dafür sei der verstärkte und äußerst wirkungsvolle Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite seien es 125.000 bis 150.000. Ende Januar hatte die Bilanz noch bei etwa 325.000 getöteten Russen und 100.000 bis 140.000 Ukrainern gelegen. Inzwischen übersteige die monatliche Zahl der russischen Verluste auch die der Neurekrutierungen.

Das CSIS stützt sich bei den Zahlen auf Informationen des Militärs, der Geheimdienste und Regierungen verschiedener Länder. Die Angaben der Denkfabrik gelten als vergleichsweise zuverlässig, sind angesichts der schwer durchschaubaren Quellenlage und gezielten Desinformation beider Kriegsparteien jedoch mit Vorsicht zu betrachten. Beide Seiten legen nur selten eigene Opferzahlen offen und neigen dazu, die eigenen Verluste herunterzuspielen und die des Gegners aufzubauschen.

Neben den gestiegenen Opferzahlen sieht sich Russlands Militär laut CSIS-Bericht auch mit anderen Rückschlägen konfrontiert. Die Bodenoffensive komme nur schleppend voran, Geländegewinne seien gering. Die ukrainischen Streitkräfte hätten ihre Abwehrkräfte zuletzt deutlich verbessert, insbesondere durch den Einsatz moderner Drohnen und westlicher Waffensysteme. Der Krieg dauert nunmehr über vier Jahre an, ohne dass ein Ende absehbar ist.

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Gesellschaftsreporterin

Greta Kaufmann berichtet für Guldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.