Die deutsche Indie-Band Neeve hat in China eine unerwartete und bemerkenswerte Karriere hingelegt. Die drei Musiker aus Heilbronn, die auf Englisch singen, begeistern in der Volksrepublik ein Publikum, das ihnen in dieser Größenordnung in Europa bisher verwehrt geblieben ist. Nach einer ersten Tournee durch das Land im vergangenen Jahr kehrten sie im April und Mai 2025 für eine sieben Konzerte umfassende Headliner-Tour zurück, die in mehreren Städten ausverkauft war.

Frontmann Felix Seyboth beschreibt die Erlebnisse als überwältigend. „Das war ein krasser Augenöffner für uns“, sagte er im Gespräch mit dem stern. Obwohl die Band bereits vor dem ersten Auftritt in China über 10.000 Follower auf der chinesischen Plattform Red Note hatte, habe erst das Live-Erlebnis die wahre Dimension des Erfolgs deutlich gemacht. „Das Konzert hat uns verdeutlicht, dass es nicht bloß Zahlen sind, sondern echte Fans“, so der Sänger. Die Begeisterung der chinesischen Anhänger zeigte sich auch in Gesten der Wertschätzung: Nach den Konzerten stand die Band für Fotos und Autogramme bereit, und viele Fans hatten vorbereitete Texte auf Englisch auswendig gelernt oder vom Handy abgelesen. Die Geschenke der Fans waren so zahlreich, dass die Musiker zwei zusätzliche Koffer kaufen mussten, um alles mit nach Hause zu nehmen.

Der Erfolg von Neeve in China begann fast zufällig. Die Band, die bereits seit 2012 existiert und 2018 ihr erstes Mini-Album veröffentlichte, hatte sich während der Pandemie verstärkt auf Social Media konzentriert. 2021 gelang ihnen mit dem Song „Where I wanna be found“ ein viraler Hit auf Instagram und TikTok. Anfang 2025, als die US-Regierung ein Gesetz auf den Weg brachte, das TikTok in den Vereinigten Staaten verbieten sollte, wichen viele US-Amerikaner kurzzeitig auf die chinesische Plattform Red Note aus. Felix Seyboth nutzte diese Gelegenheit, legte einen Account für die Band an und lud dort dieselben Inhalte hoch, die er auch auf anderen Plattformen teilte, jedoch mit chinesischen Untertiteln. Bereits einen Monat später zählte das Profil 10.000 Follower, und die Videos wurden millionenfach abgerufen.

Die Plattform Red Note lud die Band im Juli 2024 zu einer Show mit mehreren aufstrebenden Künstlern ein. Dieses erste Konzert in China beschreibt Seyboth als surrealen Moment. „Man denkt, dass man wegen der Entfernung niemals die Chance hätte, dort aufzutreten“, erinnert er sich. „Und dann passiert es plötzlich doch.“ Nach diesem Erfolg bespielte die Band ihr Profil auf Red Note weiter und veranstaltete regelmäßige Live-Streams, bei denen sich bis zu 140.000 Fans zuschalteten. Nach jedem Live-Stream kamen rund 2000 neue Follower hinzu. Am Ende des Jahres 2024 nahmen zwei chinesische Künstleragenturen Kontakt auf, was schließlich zur Tour im Frühjahr 2025 führte.

Die Konzerthallen in China boten Platz für bis zu 700 Fans, und die Stimmung war laut Band außergewöhnlich. „Das Publikum hat unsere Energie auf der Bühne eins zu eins gespiegelt“, erzählt Felix Seyboth. Bei rockigen Tracks sei die Menge gesprungen, bei poppigeren Stücken getanzt und während Balladen sei es still geworden. Sein Bruder Axel Seyboth, der Gitarre und Piano spielt, bemerkte, dass viele Konzertbesucher die Shows mit ihren Handys filmten. „Auf der Plattform gibt es Videos von Fans, die mehr oder weniger die ganze Show gefilmt haben“, fügte er hinzu. In Wuhan wurde sogar ein Musikvideo der Band über eine digitale Werbetafel in der Stadtmitte gezeigt.

Warum Neeve in China so gut ankommt, darüber können die Musiker nur spekulieren. Fest steht, dass Indie als Genre in China aufgrund der schieren Größe des Landes mit über einer Milliarde Einwohnern ein enormes Potenzial hat. Felix Seyboth vermutet zudem, dass die Art, wie die Band ihre Songs und ihr Erscheinungsbild präsentiert, bei chinesischen Fans besonders gut ankommt. „Ich glaube außerdem, dass ich einen Weg gefunden habe, unsere Songs und unser Aussehen so rüberzubringen, dass uns die Fans in China sehr ansprechend finden“, sagte er. Die Band arbeitet nun daran, die Erfolgswelle am Leben zu halten, veröffentlicht regelmäßig neue Songs und spielt weiterhin Konzerte in Europa, wo sie als Vorband für größere Acts in Arenen auftritt.

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Kulturkorrespondentin

Helena Beckmann berichtet für Guldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.