Der amtierende Fußball-Weltmeister Argentinien steht vor der nächsten Herausforderung bei der WM in den USA. Nach einem zähen und dramatischen Sechzehntelfinale gegen den WM-Debütanten Kap Verde, das die Mannschaft von Trainer Lionel Scaloni erst nach Verlängerung mit 3:2 für sich entscheiden konnte, trifft die Albiceleste nun im Achtelfinale auf Ägypten. Die Partie findet an diesem Dienstag in Atlanta statt und wirft die Frage auf, wie stark der Titelverteidiger wirklich ist.

Das Spiel gegen Kap Verde hinterließ nicht nur sportliche Spuren. Superstar Lionel Messi trug eine sichtbare Beule am Kopf davon, nachdem er mit dem Knie eines Gegenspielers zusammengeprallt war. Das Bild des angeschlagenen Messi wurde zum Symbol für einen Abend, an dem Argentinien dem Ausscheiden und einer der größten Sensationen der WM-Geschichte näher war als je zuvor. Trotz der Schmerzen zeigte sich der 39-Jährige nach dem Abpfiff jedoch gut gelaunt. „Auf dem Spielfeld treten sie mich, aber jetzt wollen sie mein Trikot“, sagte Messi mit einem Lachen, als Spieler Kap Verdes ihn um Fotos baten.

Der mühevolle Sieg hat eine Debatte über die Zusammensetzung und die Spielweise des Weltmeisters neu entfacht. Argentinien setzt bei diesem Turnier mit 48 Mannschaften und einem langen Weg von acht möglichen Spielen bis zum Finale nahezu komplett auf den Kader, der 2022 in Katar triumphiert hatte. Neun Profis im Aufgebot sind über 30 Jahre alt, kein Stammspieler ist jünger als 25. Die Frage ist, ob diese Erfahrung in kritischen Momenten wie gegen Kap Verde den Ausschlag gibt oder ob die mangelnde Frische und Dynamik zum Nachteil werden.

Beobachter sehen die Mannschaft nicht auf dem Niveau der Franzosen oder der Spanier, die von Österreichs Trainer Ralf Rangnick als „fehlerfreies Uhrwerk“ gelobt wurden. Messi selbst analysierte die Leistung gegen Kap Verde schonungslos: „Wir konnten sie nicht gut unter Druck setzen. Unsere Mannschaftsteile standen etwas zu weit auseinander. Sie hatten immer einen freien Mann, weil wir nicht dagegenhalten konnten.“ Die Abhängigkeit vom 39-jährigen Messi ist dabei verblüffend. Von den bislang elf Turniertoren erzielte der Kapitän sieben. Seine Sturmkollegen Julian Alvarez, der ein 150-Millionen-Euro-Angebot von Real Madrid erhielt, und Lautaro Martinez, der Inter Mailand mit 17 Saisontoren zur italienischen Meisterschaft schoss, treten neben ihm kaum in Erscheinung.

Dennoch ist der Zusammenhalt im Team bemerkenswert. Anders als bei Portugals Cristiano Ronaldo, wo einige Mitspieler offenbar auf dessen Rücktritt warten, genießen die Argentinier die gemeinsame Zeit mit Messi. „Wir genießen jeden Tag, an dem wir mit ihm zusammenspielen“, sagte Mittelfeldspieler Rodrigo De Paul. Trainer Lionel Scaloni zeigte sich nach dem Thriller gegen Kap Verde gelassen. „Man muss immer das Positive herausstellen. Diese Mannschaft hat heute ihren Charakter und ihren Wert gezeigt. Das Beste an dieser Mannschaft ist: Sie macht immer weiter, immer weiter, immer weiter.“ Die argentinische Zeitung „Pagina12“ schrieb vor dem Ägypten-Spiel zuversichtlich: „Die Weltmeisterschaft hat gerade erst begonnen.“

Der nächste Gegner Ägypten strahlt nicht den unbekümmerten Spirit Kap Verdes aus, verfügt aber über mehr individuelle Klasse. Angeführt wird die Mannschaft von Stürmerstar Mohamed Salah, der wie Messi zu den prägenden Figuren seiner Generation zählt. Auf die Frage, wen er bei dieser WM favorisiere, nannte Salah ohne Zögern: „Messi!“ Das Duell der beiden Ausnahmekönner verspricht ein besonderes Highlight des Achtelfinals zu werden. Für Argentinien geht es jedoch um mehr als nur um ein Einzelduell: Es geht um den Beweis, dass der Titelverteidiger trotz der gezeigten Schwächen bereit ist, seinen WM-Titel zu verteidigen.

Autor

Gesellschaftsreporterin

Greta Kaufmann berichtet für Guldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.