Die russische Oppositionelle Julia Galjamina ist überzeugt, dass nur die USA und Europa den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einem Ende des Angriffskriegs gegen die Ukraine bewegen können. Von den Russinnen und Russen selbst erwartet sie das nicht. Zwar wünschten sich 80 Prozent der Menschen in Russland einen sofortigen Frieden, sagte die frühere Moskauer Kommunalpolitikerin im «Interview der Woche» des Deutschlandfunks. Putin werde den Krieg aus eigenem Antrieb jedoch nicht beenden.
Galjamina gehört zu den Stimmen der russischen Opposition, die sich trotz des Drucks im Land weiterhin zu Wort melden. Sie war Kommunalpolitikerin in Moskau und hat sich mehrfach gegen die Politik des Kreml gestellt. Ihre Botschaft richtet sich an die westlichen Hauptstädte: Wenn der Krieg enden solle, müsse der Druck auf Putin von außen kommen. Nach ihrer Überzeugung haben Washington und Brüssel die Mittel, den russischen Staatschef zu einer Kursänderung zu bewegen.
Der Krieg geht unterdessen unvermindert weiter. In der Nacht zum Samstag hat die russische Armee Kiew nach Angaben der Behörden erneut mit ballistischen Raketen angegriffen. Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete von Explosionen in mehreren Bezirken und forderte die Bewohner auf, in Schutzräumen zu bleiben. Nach Medienberichten wurden mindestens neun Menschen getötet und 23 weitere verletzt, darunter zwei Teenager. Ein fünfstöckiges Wohnhaus wurde durch herabstürzende Raketentrümmer beschädigt, mehrere Autos gerieten in Brand. Viele Bewohner verbrachten die Nacht in U-Bahnstationen. Das genaue Ausmaß der Schäden war zunächst unklar.
Die ukrainische Armee versucht derweil, die Versorgung der russischen Truppen zu stören. Die 20. Brigade erklärte nach einem Angriff auf russische Treibstoffzüge, die Besatzer sollten kein Benzin und keinen Diesel mehr bekommen. Die Züge seien weit entfernt von der Front mit Drohnen angegriffen worden. In Russland gibt es bereits lange Schlangen vor Tankstellen.
Galjaminas Appell fällt in eine politisch angespannte Phase. In Washington ist offen, wie weit die amerikanische Unterstützung für Kiew reichen wird. US-Präsident Donald Trump hat erklärt, eine Entscheidung über die Erlaubnis für die Ukraine, Patriot-Flugabwehrraketen selbst zu produzieren, sei noch nicht gefallen. Trump hatte eine solche Lizenz zuvor angekündigt, ist inzwischen aber davon abgerückt. Kürzlich empfing er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus. Selenskyj dringt nach wie vor auf die Lieferung von Patriot-Raketen und Tomahawk-Marschflugkörpern. Zugleich pocht Trump auf ein Abkommen über ukrainische Rohstoffvorkommen, das den USA Zugriff auf Seltene Erden ermöglichen soll.
Die russische Getreidewirtschaft warnt derweil vor den Folgen des Krieges für den Welthandel. Der Verband der Getreideexporteure erklärte, ukrainische Drohnenangriffe auf russische Schiffe und Häfen könnten zu einer vollständigen Blockade der Exportkorridore führen. Rund 30 bis 35 Millionen Tonnen russischer Weizen seien gefährdet, was etwa 15 Prozent des weltweiten Weizenhandels entspreche. Eine solche Störung wäre eine direkte Bedrohung für die globale Ernährungssicherheit, hieß es. Besonders betroffen wären Afrika und der Nahe Osten.
Für Julia Galjamina ist die Lage dennoch eindeutig: Die Menschen in Russland allein werden Putin nicht stoppen. Solange der Westen nicht geschlossen handele, habe der Kreml keinen Grund, seinen Kurs zu ändern. Deshalb lautet ihre Forderung an die USA und Europa, den Druck auf Moskau zu erhöhen. Nur so, sagt sie, werde Putin zu einem Ende des Krieges zu bewegen sein.


