Der Bundesvorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, geht im Wahlkampf neue Wege: Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern will der 36-Jährige als Fahrer eines gelb-grünen Kleinbusses durch die beiden ostdeutschen Bundesländer touren. Unter dem Namen „Taxi Banaszak“ sollen Interessierte kostenlos mitfahren können – vom Job bis in den Kleingarten. Die Aktion ist der Versuch der Partei, im Osten nicht vollständig an der Fünfprozenthürde zu scheitern und mit Menschen außerhalb der eigenen politischen Blase ins Gespräch zu kommen.
Nach Informationen aus einem Konzeptpapier, das der Redaktion vorliegt, können sich Interessierte ab diesem Montag online für eine Mitfahrt anmelden. Vom 12. August bis zum 20. September will Banaszak die Fahrgäste „zum Job, in den Kleingarten, den Club oder zu Deinen Eltern“ bringen. Die Idee dahinter: „Wer Taxi fährt, kommt ins Gespräch.“ Die Aktion knüpft an eine persönliche Geschichte an, die Banaszak beim Parteitag im November erzählt hatte. Damals berichtete er von seinem ersten eigenen Auto, einem „kleinen roten Flitzer“, den er sich von Ersparnissen seiner Großeltern gekauft habe. „Hallo, hier ist Taxi Banaszak“, rief er damals in den Saal und bezeichnete das Auto als Freiheit.
Die ungewöhnliche Wahlkampfaktion ist für die Grünen von großer Bedeutung, denn in Ostdeutschland droht der Partei das politische Aus. Umfragen sehen die Grünen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei fünf Prozent – die Partei muss also fürchten, bei den Abstimmungen im September aus den Landtagen auszuscheiden. Vor zwei Jahren waren die Grünen bereits in Thüringen und Brandenburg an der Fünfprozenthürde gescheitert, in Sachsen hatte es damals nur knapp für den Einzug gereicht. Das Fiasko von 2024 soll sich nun nicht wiederholen.
Banaszak betont, dass es bei der Aktion nicht um die große Bühne gehe, sondern um echten, direkten Austausch auf Augenhöhe. „Politik lebt nicht von Positionspapieren und Wahlprogrammen allein, Politik lebt immer von persönlicher Begegnung, von Nähe, Neugier und Interesse“, sagte er. Gute Gespräche entstünden in der Küche, in der Kneipe oder auf einer Fahrt im Auto. „Taxi Banaszak“ stehe symbolisch für sein Verständnis von Politik: „Ich warte nicht darauf, dass die Leute zu mir kommen, ich komme zu ihnen, hole sie ab und bringe sie an ihr Ziel.“
Die Aktion ist nicht die erste ungewöhnliche Initiative der Partei im Osten. Bereits im Juni war Banaszak gemeinsam mit der grünen Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, Susan Sziborra-Seidlitz, mit einem Camper in der Altmark unterwegs. Die beiden hatten sich vorgenommen, auf Campingplätzen mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Vorurteile abzubauen und Nähe zu schaffen. Dies sei damals gelungen, berichteten beide im Anschluss. An diese Erfahrung wollen die Grünen nun mit „Taxi Banaszak“ anknüpfen.
Die Partei gibt sich dabei durchaus selbstkritisch. In der Partei ist man überzeugt, bestimmte Räume in der Gesellschaft autoritären Rechten überlassen zu haben und in der Wahrnehmung vieler Menschen zu einer Art Staatspartei geworden zu sein. Streitigkeiten um Themen wie Gendern, Fleischkonsum und Autofahren hätten Debatten um Verteilungsgerechtigkeit in den Hintergrund gedrängt, so die Einschätzung. Aufregerthemen wie Tempolimit auf Autobahnen, Diskussionen um den „Veggie Day“, hohe Parkgebühren oder Autoverbote in Innenstädten hätten viele Menschen gegen die Partei aufgebracht.
Die Grünen wollen sich davon befreien und künftig nicht mehr mit Verboten und dem moralischen Zeigefinger in Verbindung gebracht werden, sondern als moderne pragmatische Partei wahrgenommen werden. Banaszak hatte bereits bei seiner Parteitagsrede im November gesagt, dass es falsch sei, Menschen zu beschämen, die einmal im Jahr von ihrem hart ersparten Geld nach Mallorca fliegen. Im März schrieb er: „Die Grünen müssen entscheiden, ob sie recht haben oder gewinnen wollen.“ Der Partei werde immer wieder unterstellt, dass sie moralisiere, bevormunde und glaube, es besser zu wissen. Andere Parteien nutzten das für Kampagnen – diese würden verfangen, weil der Vorwurf einen „wahren Kern“ habe.
Banaszak und seiner Co-Vorsitzenden Franziska Brantner ist bewusst, dass die Partei bis weit in die Mitte hinein anschlussfähig sein muss, wenn sie Wahlen gewinnen will. Als Beispiel gilt Baden-Württemberg mit dem pragmatisch-bürgerlichen Spitzenkandidaten Cem Özdemir. Auf Bundesebene träumt die Partei weiterhin vom Kanzleramt, im Osten geht es derzeit aber erst einmal ums blanke Überleben. Das grüne Rezept ist in beiden Fällen ähnlich: raus aus der Nische, dorthin, wo die Mehrheit der Menschen ist – und wo man Grüne nicht unbedingt erwartet.



