Die russische Oppositionelle Julia Galjamina rechnet nicht damit, dass die russische Gesellschaft allein ausreicht, um Präsident Wladimir Putin zu einem Ende des Angriffskriegs gegen die Ukraine zu bewegen. In einem Interview sagte die frühere Moskauer Kommunalpolitikerin, 80 Prozent der Menschen wünschten sich zwar einen sofortigen Frieden. Putin werde dies aber aus eigenem Antrieb nicht tun.

Die ehemalige Kommunalpolitikerin setzt ihre Hoffnung stattdessen auf die USA und Europa. Nach ihrer Überzeugung können die westlichen Regierungen Putin zu einem Kriegsende bewegen, wenn sie ihren Einfluss gezielt nutzen. Damit richtet sich ihre Botschaft nicht an die russische Opposition, sondern an die internationale Gemeinschaft. Galjamina sieht in der russischen Bevölkerung offenbar keinen Akteur, der den Kremlchef wirksam unter Druck setzen kann.

Ihre Einschätzung verdeutlicht die Kluft zwischen der Stimmung im Land und dem Kurs des Kremls. Wenn tatsächlich vier von fünf Russen einen sofortigen Frieden wünschen, dann ist der Wunsch nach einem Ende der Kampfhandlungen in der Gesellschaft weit verbreitet. Galjamina zufolge reicht dieser Wunsch jedoch nicht, um die Politik Putins zu verändern. Der Kreml zeige sich von solchen Stimmungen unbeeindruckt und setze weiter auf eine militärische Lösung.

Die Oppositionelle machte zugleich deutlich, dass äußerer Druck nötig sei, um diesen Kurs zu durchbrechen. Sie verwies darauf, dass ein Frieden nicht von allein komme. Ohne ein entschlossenes Vorgehen der USA und Europas sei nicht damit zu rechnen, dass Putin seinen Krieg beende. Diese Einschätzung dürfte die Debatte über die Rolle des Westens in dem Konflikt weiter anfachen, denn sie weist die Verantwortung für mögliche Fortschritte in Richtung Frieden ausdrücklich den westlichen Hauptstädten zu. Eine bloße Hoffnung auf neue Verhandlungen reiche aus ihrer Sicht nicht aus; nötig sei ein klares Signal, dass der Westen die Fortsetzung des Krieges nicht akzeptiert.

Galjamina gehört zu den russischen Oppositionellen, die öffentlich gegen den Krieg Stellung beziehen. Als frühere Moskauer Kommunalpolitikerin hat sie die politischen Verhältnisse in Russland aus eigener Anschauung kennengelernt. Ihre Aussagen zeigen, wie gering sie die Möglichkeiten einschätzt, von innen heraus Veränderungen zu erzwingen. Statt auf Proteste oder politische Alternativen in Russland zu setzen, appelliert sie an die Adressen in Washington und in den europäischen Hauptstädten. Ihr Blick richtet sich damit nach außen, nicht auf ein politisches Erwachen in Russland.

Ob sich die von Galjamina erhoffte Einflussnahme verwirklichen lässt, bleibt offen. Fest steht für sie allerdings, dass Putin nicht aus freien Stücken handeln wird. Entscheidend ist aus ihrer Sicht, ob die USA und Europa bereit sind, ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Mittel so einzusetzen, dass der russische Präsident die Kosten einer Fortsetzung des Krieges höher bewertet als die eines Friedensschlusses.